Inhalt und Ziel

Anlaß und Ziel, Inhalt und Ausrichtung gehen aus den Ausschreibungsunterlagen klar hervor: die ,,örtlichen Markierungen der Erinnerung an diese ehemaligen Übergänge im Stadtbild`` (Ausschreibung, S. 3) sollen künstlerisch umgesetzt werden. Es soll an die Teilung Berlins und Deutschlands durch die Mauer erinnert werden an den Punkten, an dem die Mauer durchlässig war, an den Übergängen. Da es bei weitem aufwendiger ist, die Mauer im Boden nachzuziehen (sei es mit einem Kupferband oder mit Pflastersteinen) und die Übergänge dazu noch eine erste Öffnung darstellen, wird der Mauer an den Stellen gedacht, an den sie nicht existierte.

Die sich beteiligenden KünstlerInnen werden durch eine Dokumentation über jeden einzelnen Übergang mit Fotos, Plänen und einer historischen Einführung in das Thema der Mauer unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der innerstädtischen Übergänge auf den Wettbewerb vorbereitet. Ergänzt wird die Dokumentation von zwei Essais, die keineswegs dokumentarischen Charakters sind, sondern vielmehr die inhaltlichen Vorstellungen der Auslober wiederspiegeln sollen. Friedrich Dieckmann zum einen und Wilhelm Schmid zum anderen führen den Leser in Berliner Empfindlichkeiten ein. Beide Texte wirken tendenziell pro-westlich und engen eine faire Aufarbeitung der eigenen Geschichte etwas ein. Obwohl die Auslober in ihrer Einführung noch schreiben, die Künstler sollen sich in der ganzen ,,Vielschichtigkeit`` mit dem Thema auseinandersetzen, erscheint dieses Wort nach Lektüre der Texte über das ,,empörende Unrecht`` (Willy Brandt, 1961) und seine Konsequenzen unangemessen. Von Vielschichtigkeit kann hier keine Rede sein, denn die Sinn- und Denkrichtung wird ihnen hier nahegelegt.

In einem Ton, der unterschwellig von Pathos getragen und von ideologischen Sprenkeln gefärbt ist,2 erfährt man, daß der Osten ,,sich heute vor den neuen Zeiten fürchtet`` (Ausschreibung, S. 103) und daß die Mauer, für die Bewohner Berlins in jedem Fall eine schwere Belastung, in Wirklichkeit ein Trauma für Ost-Berlin bis heute sei, für West-Berliner inzwischen jedoch nicht mehr als ein ,,Souvenir`` (ebd., S. 89). Vordergründig eine dominante Geschichtsschreibung in den Ausschreibunsgsunterlagen ablehnend, soll dieser Wettbewerb den Ost-Berlinern die Hand durch die ,,ertrotzten`` (ebd.) Öffnungen hindurch reichen, um einem weiteren ,,Zusammenkommen`` (ebd.) der beiden Stadthälften Ausdruck zu verleihen.

Die inhaltlichen Vorgaben des Wettbewerbs spiegeln die Absichten der Auslober wieder - das ist nur natürlich. Sie scheinen jedoch wenig Spielraum für eine kreative Auseinandersetzung mit vergangenen politischen, sozialen und kulturellen Verhältnissen lassen zu wollen. Die Dominanz der («freiheitlich-kapitalistischen») Ideologie West-Berlins und das trotz aller Beteuerungen immer noch emotional aufgeladene Thema dürfte den Beteiligten nicht viel Freiheit gelassen haben. Die Ergebnisse der von der Jury unter dem Vorsitz des Wuppertaler Künstlers Wolfgang Rüppel - der inzwischen das Denkmal für den 17. Juni 1953 geschaffen hat, eines für Berlin ebenso zentralen Themas - ausgewählten KünstlerInnen haben sich erfreulicherweise nicht in so strenger Weise an die Vorgaben gehalten. Immerhin stammt die Hälfte der beteiligten KünstlerInnen aus der ehemaligen DDR. Und die ausgewählten Arbeiten üben sich eher in Distanz und Humor als in Pathos.

Die Auslober zeigten anschließend genug Größe, die Entscheidung der Jury zu respektieren (was bei dem oben genannten Denkmal für den 17. Juni leider nicht der Fall war). So konnte der damalige Bausenator Jürgen Klemann bei der Präsentation der Arbeiten etwas zurückhaltender in bezug auf Nationalpathos und Ideologie zu Recht feststellen, daß ,,Berlin [...] nur mit der Erinnerung an die uns einst trennende Mauer zusammenwachsen``3 könne.



Der Wettbewerb Der Wettbewerb Jury