In den Zwickeln der U-Bahn-Bögen auf der Mitte der Oberbaumbrücke sind zwei Leuchtkastentrommeln aus Acrylglas mit einem Durchmesser von einem Meter eingehängt. In diesen durchsichtigen Trommeln befinden sich je 3 Leuchtstoffröhren aus 22mm Filterglas in den Farben Rot, Gelb und Blau. Die Röhren formen die Umrißlinien der Handpositionen, die in diesem Spiel eingesetzt werden (Faust - offene Hand - Mittel- und Zeigefinger gespreizt). Sie sind einander zugewandt. Die Leuchtstoffröhren sind während des Tages nicht in Betrieb. Erst bei Anbruch der Dunkelheit werden sie von einem Zufallsgenerator im 6 Sekunden Rythmus an- und ausgeschaltet, dem zufälligen Doppelrythmus dieses ,,Kinderspiels`` folgend.
Auf eine ironische Weise wird hier das berlinbeherrschende Thema der Rivalität zweier Mächte konkretisiert. Dies geschieht in der Form eines Glücksspiels: Stein-Papier-Schere. Hat die eine Seite Stein und die andere Papier, gewinnt sie. Hat sie Papier und die andere Schere, verliert sie. Hat sie Schere und die andere Stein, verliert sie. Zeigen beide die gleichen Symbole hat keiner gewonnen oder verloren. Der Sieg ist ein zufälliger, nicht ein durch die besseren oder vernünftigeren Argumente erreichter. Der Zufallsgenerator schlägt den Sieg alle sechs Sekunden ab Dämmerung ununterbrochen mal dem Osten und mal dem Westen zu. Jeglicher ideologischer Ballast wurde hier abgeworfen, und das Ergebnis ist dem Willen aller Beteiligten entzogen. Dem parteiischen Betrachter bleibt nur das Glück, ob seine Vorhersage stimmt oder nicht.
Die Oberbaumbrücke, ,,im Stile altmärkischer Stadttürme in Ziegeln auf Granitunterbauten``11 erhoben, ist für das Thema der Rivalität zwischen Systemen symbolträchtig. Sie wurde 1945 auf Hitlers ,,Nerobefehl`` hin gesprengt, weil sie innerhalb Berlins als Transportbrücke über die Spree von taktischer Bedeutung war. Danach wurde sie nur provisorisch wieder aufgebaut und war in der Nachkriegszeit ein exponierter Konfrontationspunkt zwischen Ost und West. Sie entwickelte sich deswegen zu einer Art Monument des Kalten Krieges. Dementsprechend wichtig war für die Stadt von Berlin die Renovierung und Wiedereröffnung für den Verkehr der Brücke Anfang der 1990er Jahre. Im Gegensatz zum Checkpoint Charlie etwa, der immer nur ein Militär- und Diplomatenübergang war, konnte die Oberbaumbrücke ab 1971 für Privatpersonen als Fußgängerübergang benutzt werden. Thorsten Goldberg nimmt darauf bezug. ,,Mit meinem Vorschlag, schreibt er, möchte ich der persönlichen Erfahrbarkeit der Situation 1972-1989, aber auch der Begegnung Einzelner über die Grenze hinweg, eine Markierung setzen.`` Seine Arbeit ist eigentlich nur Fußgängern sichtbar. Denn Autofahrern ist sie so gut wie nicht einsehbar geschweige denn verständlich. In dieser Hinsicht könnte man meinen, es sei eine Art Hommage an die Überwindung der Grenzen durch die direkte menschliche Begegnung.
Tagsüber fallen die beiden Trommeln fast nicht auf. Sie scheinen sich dem vorüber eilenden Fußgängern durch Größe und Form eher in die Reihe der ebenfalls auf der Brücke angebrachten brandenburgischen Stadtwappen fügen zu wollen. Nachts sind die beiden Leutstoffröhren in ihrer Rivalität überhaupt erst verständlich zu sehen. Sie verhalten sich auf diese Weise fast ein wenig subversiv. Ihre Gestaltung soll sich tagsüber selbstverständlich in den Kontext einpassen und erst bei Nacht und nur von vorbeikommenden Fußgängern und Radfahrern begreifbar sein.
In der Nähe der Oberbaumbrücke befindet sich der längste noch vorhandene und inzwischen unter Denkmalschutz stehende Teil der Mauer, die sogenannte «East-Side-Gallery» entlang der Spree. Auch wenn tagsüber auf der Brücke «Stein-Papier-Schere» fast nicht sichtbar ist, sieht man von dort direkt auf die Mauer und damit eines der wenigen sinnlich erfahrbaren Reste der Rivalität zwischen den Systemen.
Stilistisch erinnert seine Arbeit an die Arbeiten Bruce Naumans. Die Verwendung von Leuchstoffröhren, die bei Nauman jedoch meistens einen Bezug zum Körper haben oder Sätze als Kommentare zur Kunst ergeben, in den dominierenden Grundfarben Blau und Rot läßt diese Assoziation ebenso zu wie die sich abwechselnde Bewegung der Röhren auf der selben Fläche. In Naumans Arbeit Double Poke in the Eye von 1985 zum Beispiel sind die Konturen von zwei sich zugewandte Köpfe in blauem und gelben Neon nachgebildet, in deren Mitte vier Handpositionen in Blau, Gelb und Rot geformt sind. Abwechselnd zeigen die Hände auf je den anderen Kopf, sie scheinen sich förmlich die Augen ausstechen zu wollen. Die Handhaltung ist die einer nachgemachten Pistole. Die in den Köpfen angedeuteten Münder deuten auf einen Streit hin, der eine scheint etwas sagen zu wollen, der andere zieht eher grimmig die Mundwinkel nach unten. Wir haben es hier mit einer Konfliktsituation zu tun, die aber anscheinend lieber dirch Gewalt gelöst werden soll als durch ein Zufallsspiel. Es scheint fast so, als habe Thorsten Goldberg die Hände aus Bruce Naumans Arbeit herausgenommen und in anderer Haltung zu Stein-Papier-Schere zusammengesetzt. Die Aussage der Arbeit hat sich durch das Weglassen Köpfe und vor allem durch die veränderte Handhaltung ins Gegenteil gewendet. Aus einer bedrohlichen Konfliktsituation ist ein friedlicher Lösungsansatz geworden.
Die Arbeit soll nicht zu einer Verharmlosung führen, sondern eher augenzwinkernd mit einfachen stilistischen Mitteln ein komplexes Problem allgemeinverständlich machen. Nach dem Motto: ,,Drüben ist immer das andere Ufer``, wird hier die Parteinahme des einzelnen distanziert und ironisch betrachtet. Auf beiden Seiten der Mauer waren die verantwortlichen Menschen und ein Teil der Bevölkerung von der Richtigkeit und von dem letztendlichen Sieg des jeweiligen System überzeugt - ,,den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf``, wie es Erich Honecker noch Tage vor seinem Rücktritt formulierte. Die Überzeugungen ob der Überlegenheit des eigenen Systems führt und führte zu Konfrontationen und absurden Selbstüberschätzungen. Ob der Zusammenbruch der realexistierenden sozialistischen Staatenwelt auf die Überlegenheit der kapitalistischen Weltordnung zurückzuführen ist, will Goldberg vielleicht eher in Frage stellen. Kann man 1989/90 von einem Sieg gegen das ,,Imperium des Bösen`` sprechen, wie es Reagan 1985 genannt hat? Oder sind solche Fragen angesichts der realexistierenden Menschen in Ost und West einfach überflüssig? Die beiden Hände kommen während des Spiels immer wieder auch zu einem Punkt, an dem es so aussieht, als gäben sie sich die Hand. Eine Handlung, die an dieser Stelle bei der Öffnung des Grenzüberganges häufig anzusehen war zwischen den Menschen in Ost und West. Bei längerer Betrachtung der Leuchstoffröhren tritt der spielerische Charakter der Arbeit in den Hintergrund und der versöhnliche Moment gewinnt an Bedeutung.
Inzwischen hat das Thema der Übergangssituation und der Konfrontation eine neue Variante auf der Oberbaumbrücke erhalten: Seit einigen Jahren kämpfen an dieser Stelle junge Menschen aus Friedrichshain (nach dem Motto: ,,Keiner ist gemeiner als der Friedrichshainer!``) gegen Gleichgesinnte aus Kreuzberg in einer großen Wasser- und Lebensmittelschlacht, in der natürlich politisch korrekt nur verfaulte Früchte genommen werden. Ganz im Sinne Thorsten Goldbergs waren die Ergebnisse bisher nicht eindeutig festzustellen!