Die Portraits, zwei aus seiner 1994 entstandenen Fotoserie «Alliierte», sind durch die Größe und durch die Rahmung bereits von weitem gut erkennbar. Es handelt sich jeweils um ein Brustbildnis in Vorderansicht von jungen Soldaten der alliierten Armeen. Zur Ostseite zeigt sich ein junger US-Amerikaner in Uniform dem nach Westen gehenden, nach Westen ,überblickt` ein junger russischer Soldat das Geschehen. Beide sollen an den ehemaligen Diplomaten- und Armeeübergang «Checkpoint Charlie» und die dort wachhabenden Soldaten erinnern. Sie sind jedoch nicht in ihrer Tätigkeit als Grenzsoldaten dargestellt. Aufgrund des Studiocharakters der mit einem weißen Hintergrund professionell ausgelichteten Aufnahmen verlieren sie ihren historischen Bezug. Sie werden zu Typen und sind nur noch durch den geographischen Kontext an den historischen Kontext geknüpft. Wie die Mauer und die Übergänge aus dem alltäglichen Reflex verschwunden sind, zumindest physisch, so sind beide Grenzsoldaten eher zu Ikonen einer vergangenen Zeit geworden.
Auf eine Bewertung der historischen Situation wird hier verzichtet: Die Soldaten sind durch ihre Uniformen als solche erkennbar, aber ihre Gesichter sind zu jung und unschuldig, um den Soldaten in ihnen erkennen zu lassen («Milchbubis», wie es Wolfgang Kil treffend im Interview mit dem Scheinschlag sagt). Sie stehen dort stellvertretend für die Alliierten in form von gängigen Werbestrategien, denn sie verraten nichts über ihre tatsächliche Funktion. Würde in der unteren rechten Ecke «United Colors of Benetton» stehen, würde es vermutlich niemand als störend empfinden. Spätestens seit den stilistisch ähnlichen Aufnahmen von Oliviero Toscani sind die Konsumenten bereits an die Funktionalisierung des Krieges als Produktträger für die Werbung gewohnt. Der formale Charakter der Leuchtkästen als Werbeträger wird inhaltlich durch die entfremdete Funktion der beiden jungen Männer wieder aufgenommen.
Die Bilder haben an und für sich keinen dokumentarischen Charakter, denn sie dokumentieren nicht die Zeit der Grenzübergänge. Obwohl es sich um authentische Soldaten der russischen und der amerikanischen Armee handelt, die kurz vor ihrem Abzug 1994 fotografiert wurden, scheinen sie keinen besonderen Bezug zur Übergangssituation des Checkpoint Charlie zu haben, weder persönlich noch funktional. Bei dem russischen Soldaten ergibt sich zusätzlich ein anachronistisches Problem: Es gab keine Grenzsoldaten in solcher Uniform, denn die Uniform der damaligen Zeit waren die der UdSSR und nicht die Russlands.
Frank Thiel kombiniert das Thema des Übergangs in geopolitischer Dimension mit seiner zeitlich-rezeptiven Dimension. Die Benutzung der Technik des beidseitigen Leuchtkastens wie ihn auch die Werbung benutzt, spiegelt die touristische Rezeption 10 Jahre nach dem Fall der Mauer wider. Wie es in den Wettbewerbsvorlagen angedeutet ist, ist die Mauer für die Westberliner ja zu nichts anderem als einem Souvenir geworden. Frank Thiel errichtet hier eine beeindruckende Werbung für dieses Souvenir, das anschließend im Mauermuseum besichtigt werden kann.
Die Verbindung von Fotos als Leuchtreklame mit Grenzschild und dem Grenzhaus verändert die Wahrnehmung des Kunstwerkes. Selbst Unwissende werden unwillkürlich auf den Sinnzusammenhang aufmerksam. Dies gilt vor allem für das seit neuestem zu Füßen der Fotos aufgestellte Wachhäuschen in der Mitte der Friedrichstraße. Für die einen werden die Bilder vermutlich eine gelungene Werbung für das Mauermuseum am Checkpoint Charlie sein, anderen bieten sie auch in diesem Kontext eine ironische Dimension gegenüber den Mauertourismus und der Mauervermarktung. In einer anderen Arbeit, einer Reihe von Fotos der Berliner Mauer nach 1991, dokumentiert er die Metamorphose dieses Baus.
In gewisser Weise werden wir an die Worte Walter Benjamins erinnert, der in seiner technischen Reproduzierbarkeit schreibt: ,,Alle Bemühungen um die Ästhetisierung der Politik gipfeln in einem Punkt. Dieser ein Punkt ist der Krieg.``10 Zwar schreibt Benjamin im Kontext der Massenpropaganda der Faschisten und Nationalsozialisten, aber Frank Thiel könnte diese Sätze quasi als Motto für seine Arbeit genommen habe. Den Soldaten, dazu noch in diesem Alter, wird durch die flächendeckende Beleuchtung und den weissen Hintergrund eine Ästhetisierung zu Teil, die in den Worten Benjamins die Ästhetisierung des Krieges durch technische Möglichkeiten ist.
Stilistisch erinnert sie an die Arbeiten Thomas Ruffs (und Thomas Struths). Mit beiden verbindet ihn eine auf den ersten Blick sehr nüchtern, fast steril wirkende Ausleuchtung und großformatige Aufnahme. Auf den zweiten Blick versuchen diese Arbeiten erst gar nicht, Objektivität vorzutäuschen. Sie sind sehr wohl eine subjektive Sicht auf einen Menschen und vermitteln nicht den Eindruck, die fotografierte Person authentisch abzulichten. Wir sehen auf den Bildern der beiden Soldaten das Ergebnis einer subjektiven Dokumentation.
Die Arbeit hat zudem das Verdienst, als einzige unter den sieben die Thematik aus dem deutsch-deutschen Kontext in den angemessenen globalen Bezug zu stellen. Die Teilung Berlins war nicht das Ergebnis des verlorenen Krieges und innerdeutscher Gegensätze, sondern die Folge weltweiter Blockbildung mit einer besonderen Konzentration auf Deutschland. Frank Thiel hebt die Mauer aus der Berliner Lokalgeschichte auf eine ironische Weise auf ein internationales Niveau.