Der Bischof förderte die Marktsiedlung
und wurde der größer werdenden Gemeinde gerecht, indem er eine
Marktkirche neben der Fernstraßenkreuzung gründete, die Lambertikirche
als ecclesia forensis.
Vermutlich um 1040, zur selben Zeit wie die Stiftskirchengründung
Liebfrauen-Überwasser auf der westlichen Seite der Domburg,
gründete Bischof Hermann I. (1032-42) die Kirche mit dem Patrozinium
des ersten Bischofs von Lüttich. Für die Gründung im Jahr 1040 spricht
die nachgewiesene Anwesenheit des Bischofs Nithard von Lüttich zur Weihe
der Überwasserkirche, der auch bei der Beschaffung von Reliquien
des Heiligen Lambertus behilflich sein konnte.
Die
Auswahl des Heiligen Lambertus als Patron der Marktkirche verdeutlicht
die Orientierung Münsters und vor allem des bereits bestehenden
Marktes nach Westen, nach Flandern und Holland, Lüttich und zur Maasregion
hin. Auffallend ist, daß
die erste Kirche Coesfelds, das Handel mit Holländern trieb,
ebenfalls dem Heiligen Lambertus geweiht war (cf. Kapitel
3.1).
Mit Markt, Marktkirche, Marktsiedlung und Münze bildeten sich
im Laufe des 10. und 11. Jahrhunderts zum zweiten Kern aus, der
bis zum 12. Jahrhundert sich mit der Domburg zu einer Dualstadt
weiterentwickeln sollte.
Die erhöhte Bautätigkeit im 11. Jahrhundert mit dem Überwasserstift,
Umbau der Domburg und Bau der Lambertikirche bedeutete ein ,,Aufblühen
der Bauwirtschaft``
und eine wirtschaftliche Weiterentwicklung
der Siedlung. Hatten bis 1121, als Münster durch Lothar von
Süpplingenburg belagert wurde und komplett niederbrannte, in
der Domburg noch Handwerker gelebt, änderte sich dies nach
dem Wiederaufbau des Doms und der Domburg: Alle Handwerker wurden
in die Marktsiedlung außerhalb der Burg umgesiedelt, was die
,Doppelpolung` der werdenden Stadt noch akzentuierte.
Die ersten beiden Märkte, der Roggenmarkt und der Alte Fischmarkt,
wurden im Laufe des 12. Jahrhunderts durch Planung des Bischofs
um den Prinzipalmarkt im Osten der Burg erweitert. Gleichzeitig
befanden sich erste Kaufmannhäuser, d.h. Häuser ohne handwerklichen
Bezug, an der Marktstraße. Die Häuser der an der Lambertikirche gelegenen
Stiftsherrengasse waren ein erstes Beispiel dafür. Die Süderweiterung
der Märkte, der Prinzipalmarkt, ist vermutlich von Bischof
Burchard geplant worden. Die Errichtung der Michaeliskappelle
und des Michaelistors an der Ostseite der Domburg
als direkter Zugang zum neuen Markt auf der Rheinischen Straße
lassen diese Vermutung zu. Neben dem eher gewachsenen Roggen-
und Fischmarkt wurde hier planerisch vom Stadtherrn eingegriffen,
um die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern.
Zu diesem planmäßigen Ausbau des Marktes gehörten
unter anderem auch die Ansiedlung von Juden mit einer eigenen
Immunität hinter dem späteren Rathaus und dem Stadtweinhaus gegenüber
der Michaeliskapelle. Im 12. Jahrhundert expandiert die Marktsiedlung im
Zuge eines allgemeinen Bevölkerungswachstums in Westeuropa
und der Bebauung des Randes des Befestigungsgrabens auf der
zum Roggen- bzw. Prinzipalmarkt geneigten Seite. Dies war ein wichtiger
Schritt zum weiteren Ansiedeln von Handwerkern und Kaufleuten, der in einer
Urkunde Bischofs Ludwigs aus dem Jahr 1169 eine erste Erwähnung findet. In
dieser Urkunde wurde erstmals die urbs der Domburg mit einem eigenen
iure emunitatis von der civitas Monasteriensis unterschieden.
Die Domherren lebten in einem anderen Rechtsverhältnis als die cives
der Stadt Münster zu ihrem Stadtherren.
Anzeichen einer Siedlungsverdichtung im 12. Jahrhundert waren die Gründungen
von neun neuen Pfarreien samt Friedhöfen. In einer Urkunde des Jahres 1189
erklärte Hermann II. die Neugründung mit der dann besser zu leistenden
Seelsorge für die tante plebis, die der bisherige Stadtpfarrer von
St. Lamberti nicht mehr angemessen zu leisten vermochte.
Die neuen Pfarrkirchen veränderten auch das Leben innerhalb
der Stadt, denn sie banden die Bürger (und auch die Bruderschaften und Zünfte)
an die neuen Pfarreien und einigten sie über die bestehenden ständischen
Unterschiede hinweg. Die pfarrkirchliche Organisation strukturierte das
städtische Leben z.B. durch die Leischaftsverfassung neu. Die Neugründungen
führten aber auch wiederum zu einem neuen Bauboom, der wiederum das
wirtschaftliche Leben förderte und neue Handwerker und Händler in die Stadt
kommen ließ. So waren neben den seelsorgerischen Aspekten auch die
wirtschaftlichen Folgen der neuen Pfarreien für die Stadt von Vorteil.
Selbst nachdem 1197 ein Brand fast die gesamt Stadt und ihre Kirchen
vernichtet hatte, wurde Münster in seiner wirtschaftlichen und städtischen Dynamik
nicht gestört, sondern überwand diesen Rückschlag in kurzer Zeit mit einem
kompletten Neubau des Doms, der Häuser und der Kirchen und damit wieder
einhergehend einem Zuwachs an handwerklicher und gewerblicher Aktivität.