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Marktsiedlung

Seit dem 10. Jahrhundert lassen sich erste Spuren von Handwerkerleben innerhalb der Domburg finden, die jedoch vermutlich nur für den Bedarf der Domburg arbeiteten.[*] Um die Domburg herum entwickelte sich im 10. Jahrhundert vor allem im Norden und Nordosten der Burg erste Marktsiedlungen: ,,Den ältesten sicheren Hinweis darauf, schreibt Manfred Balzer in der Geschichte der Stadt Münster 1993, stellt ein vermutlich in Schweden gefundener münsterischer Pfennig dar, denn Markt und Münzrecht, das zeigen die Privilegien, gehören eng zusammen. Es ist ein Pfennig aus der Königszeit Ottos III. mit dem Ortsnamen auf der Vorderseite: MIMIGER + NEFORDA.``[*] Die Münze bezeugt zum einen ein bestehendes Münzrecht seit dem 10. Jahrhundert, das mit einem Markt einhergehen mußte, zum anderen verweist es auf die bereits früh bestehende Einbindung in den Fernhandel nach Skandinavien und in den Ostseeraum. Das Münzhaus befand sich an der Südspitze des Drubbels, an der Kreuzung von zwei wichtigen Fernstraßen, eine in Ost-West-Richtung nach Holland gehend, die zweite in Nord-Süd-Richtung, die rheinischen Städte mit dem Norden, mit Friesland, Bremen und später Lübeck verbindend.An dieser Kreuzung entwickelte sich der erste Markt. Neben dem Münzhaus bezeugt auch das zweite (?) Tor in der Domburg genau an dieser Stelle (Name des Tors) die Bedeutung des Marktes für den Bischof.

Der Bischof förderte die Marktsiedlung und wurde der größer werdenden Gemeinde gerecht, indem er eine Marktkirche neben der Fernstraßenkreuzung gründete, die Lambertikirche als ecclesia forensis. Vermutlich um 1040, zur selben Zeit wie die Stiftskirchengründung Liebfrauen-Überwasser auf der westlichen Seite der Domburg, gründete Bischof Hermann I. (1032-42) die Kirche mit dem Patrozinium des ersten Bischofs von Lüttich. Für die Gründung im Jahr 1040 spricht die nachgewiesene Anwesenheit des Bischofs Nithard von Lüttich zur Weihe der Überwasserkirche, der auch bei der Beschaffung von Reliquien des Heiligen Lambertus behilflich sein konnte.[*] Die Auswahl des Heiligen Lambertus als Patron der Marktkirche verdeutlicht die Orientierung Münsters und vor allem des bereits bestehenden Marktes nach Westen, nach Flandern und Holland, Lüttich und zur Maasregion hin. Auffallend ist, daß die erste Kirche Coesfelds, das Handel mit Holländern trieb, ebenfalls dem Heiligen Lambertus geweiht war (cf. Kapitel 3.1). Mit Markt, Marktkirche, Marktsiedlung und Münze bildeten sich im Laufe des 10. und 11. Jahrhunderts zum zweiten Kern aus, der bis zum 12. Jahrhundert sich mit der Domburg zu einer Dualstadt weiterentwickeln sollte.

Die erhöhte Bautätigkeit im 11. Jahrhundert mit dem Überwasserstift, Umbau der Domburg und Bau der Lambertikirche bedeutete ein ,,Aufblühen der Bauwirtschaft``[*] und eine wirtschaftliche Weiterentwicklung der Siedlung. Hatten bis 1121, als Münster durch Lothar von Süpplingenburg belagert wurde und komplett niederbrannte, in der Domburg noch Handwerker gelebt, änderte sich dies nach dem Wiederaufbau des Doms und der Domburg: Alle Handwerker wurden in die Marktsiedlung außerhalb der Burg umgesiedelt, was die ,Doppelpolung` der werdenden Stadt noch akzentuierte.

Die ersten beiden Märkte, der Roggenmarkt und der Alte Fischmarkt, wurden im Laufe des 12. Jahrhunderts durch Planung des Bischofs um den Prinzipalmarkt im Osten der Burg erweitert. Gleichzeitig befanden sich erste Kaufmannhäuser, d.h. Häuser ohne handwerklichen Bezug, an der Marktstraße. Die Häuser der an der Lambertikirche gelegenen Stiftsherrengasse waren ein erstes Beispiel dafür. Die Süderweiterung der Märkte, der Prinzipalmarkt, ist vermutlich von Bischof Burchard geplant worden. Die Errichtung der Michaeliskappelle und des Michaelistors an der Ostseite der Domburg als direkter Zugang zum neuen Markt auf der Rheinischen Straße lassen diese Vermutung zu. Neben dem eher gewachsenen Roggen- und Fischmarkt wurde hier planerisch vom Stadtherrn eingegriffen, um die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern.[*] Zu diesem planmäßigen Ausbau des Marktes gehörten unter anderem auch die Ansiedlung von Juden mit einer eigenen Immunität hinter dem späteren Rathaus und dem Stadtweinhaus gegenüber der Michaeliskapelle. Im 12. Jahrhundert expandiert die Marktsiedlung im Zuge eines allgemeinen Bevölkerungswachstums in Westeuropa[*] und der Bebauung des Randes des Befestigungsgrabens auf der zum Roggen- bzw. Prinzipalmarkt geneigten Seite. Dies war ein wichtiger Schritt zum weiteren Ansiedeln von Handwerkern und Kaufleuten, der in einer Urkunde Bischofs Ludwigs aus dem Jahr 1169 eine erste Erwähnung findet. In dieser Urkunde wurde erstmals die urbs der Domburg mit einem eigenen iure emunitatis von der civitas Monasteriensis unterschieden. Die Domherren lebten in einem anderen Rechtsverhältnis als die cives der Stadt Münster zu ihrem Stadtherren.

Anzeichen einer Siedlungsverdichtung im 12. Jahrhundert waren die Gründungen von neun neuen Pfarreien samt Friedhöfen. In einer Urkunde des Jahres 1189 erklärte Hermann II. die Neugründung mit der dann besser zu leistenden Seelsorge für die tante plebis, die der bisherige Stadtpfarrer von St. Lamberti nicht mehr angemessen zu leisten vermochte.[*] Die neuen Pfarrkirchen veränderten auch das Leben innerhalb der Stadt, denn sie banden die Bürger (und auch die Bruderschaften und Zünfte) an die neuen Pfarreien und einigten sie über die bestehenden ständischen Unterschiede hinweg. Die pfarrkirchliche Organisation strukturierte das städtische Leben z.B. durch die Leischaftsverfassung neu. Die Neugründungen führten aber auch wiederum zu einem neuen Bauboom, der wiederum das wirtschaftliche Leben förderte und neue Handwerker und Händler in die Stadt kommen ließ. So waren neben den seelsorgerischen Aspekten auch die wirtschaftlichen Folgen der neuen Pfarreien für die Stadt von Vorteil. Selbst nachdem 1197 ein Brand fast die gesamt Stadt und ihre Kirchen vernichtet hatte, wurde Münster in seiner wirtschaftlichen und städtischen Dynamik nicht gestört, sondern überwand diesen Rückschlag in kurzer Zeit mit einem kompletten Neubau des Doms, der Häuser und der Kirchen und damit wieder einhergehend einem Zuwachs an handwerklicher und gewerblicher Aktivität.


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stern89 2001-09-09