Übergänge



Kurt Tucholsky

Einer, dem es zumindest vordergründig nicht um Authentizität als Jude, sei es im ostjüdischen, orientalischen oder häretische Sinne ging, sondern der sich als aufgeklärter Linksintellektueller fühlte, war KURT TUCHOLSKY. Tucholsky gilt sowohl als einer der scharfsinnigsten Beobachter seiner Zeit als auch als politisch engagierter Journalist und Schriftsteller. Der promovierte Jurist war ein überzeugter Pazifist und schrieb unter anderem für den sozialdemokratischen Vorwärts und vor allem für die Weltbühne. Die Weltbühne 1905 von Siegfried Jacobsohn als Schaubühne gegründet und nach dessen Tod von Carl Von Ossietzky bis zur Einstellung 1933 (?) weitergeleitet. Über Siegfried Jacobsohn sagte Kurt Tucholsky zu seinem Tod: ,,Er hat uns, Mitarbeiter und Leser zus einem Werk bekehrt; er liebte, wie wir, Deutschland und wußte, daß die dessen schlimmste Feinde nicht jenseits, sondern diesseits des Rheins wohnen.`` (Jüdisches Leben, S. 632) Dieses Zitat zeigt, daß es Tucholsky, der als Satiriker und Kritiker von Militarismus und Nationalismus das deutsche Bürgertum in all seinen Lcherlichkeiten karikierte, nicht, wie es ihm von allen Seiten vorgeworfen wurde, um Antigermanismus ging. 1914 trat er aus der jüdischen Gemeinde aus (Später sagte er, daß man aus dem Judentum gar nicht austreten könne), 1918 ließ er sich wohl aus Opportunismus protestantisch taufen, 1924 siedelte er nach Paris um und 1929 emigrierte er nach Stockholm, wo er sich 1935 das Leben nahm.

Ihm wurde von jüdischer Seite vorgeworfen, ein ,,jüdischer Antisemit`` zu sein. Eingebracht haben ihm solche Vorwürfe und die des ,,typisch jüdischen Selbsthasses`` (wie eine Untersuchung von Lessing 1930 betitelt ist, die allerdings Tucholsky nicht erwähnt) seine Erzhählungen des Herrn Wendriner und eigentlich politisch motivierte Äußerungen wie die folgende: ,,Eine der stärksten Grenzen läuft - zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten - quer durch die Religionen und Rassen, und meine Arbeit gilt den Wehrlosen, unbekümmert darum, was die Juden oder sonst eine Rasse dazu sagen.`` (Jüdisches Leben, S. 632). Die selbe Äußerung war den Nazis der ,,Beweis der Verrätergesinnung der Juden``. Für die Antisemiten war jemand wie Tucholsky die ,,eigentlich Ursache des Antisemitismus`` (Hepp, S. 11). Tucholsky wurde die Verantwortung für den wieder erwachsenden Antisemitismus und reaktionären Gesinnungen in der Weimarer Republik gegeben. Die Argumentation geht in die Richtung, daß die Juden selber an ihrem Schicksal schuld seien. Vor dem Hintergrund der Beschimpfungen, die Tucholksy zeitlebens aus den unterschiedlichsten Gründen ertragen mußte, fällt es schwer, ihm in seiner Aussage ,,Mich hat die Frage des Judentums niemals sehr bewegt`` (Hepp, S. 10.) zu folgen. ,,Jüdsche Literatursau``, ,,Juden-Ignaz``, ,,hebräischer Schmutzfink`` und ,,jüdischer Paralytiker``, um nur ein paar zu nennen, waren Urteile seiner nicht-jüdischen Zeitgenossen. Seine jüdischen hielten sich aber auch nicht mehr zurück: Zum Beispiel urteilte Max Naumann, Vorstandsmitglied des Verbandes nationaldeutscher Juden, daß ,,ein einziger Tucholsky Zehntausende Anitisemiten züchte``. Teile der Judenschaft begaben sich damit in auffällige Nähe zu den Antisemiten. Noch 1966 urteilt Gershom Sholem, 1923 nach Palästina ausgewanderter Zionist und Freund Walter Benjamins, über Tucholsky er sei einer ,,der begabtesten und widerwärtigsten jüdischen Antisemiten`` gewesen, der ,,auf einem hohen Niveau das [geleistet] hätte, was die Antisemiten selber nicht fertig gebracht hätten.`` (Hepp, S. 17.) Bis heute wird Tucholsky von verschiedensten Seiten mit unglaublicher Heftigkeit vorgeworfen, quasi Verantwortlich für das geistige Umfeld der Täter der Shoa zu sein. Der Münsteraner Professor schreibt in der Tradition Ernst Noltes noch 1995, daß Tucholsky ,,den Menschen seines deutschen Gastlandes gesamthaft den Gastod gewünscht habe.`` (zitiert in Hepp, S. 20.)

Von den meisten wurde Tucholsky eher als typschisches Beispiel ,,jüdischen Selbsthasses`` gesehen, der sich in Antireligiösen, antigermanistischen, antijüdischen ebenso wie antikleinbürgerlichen Satiren zum Ausdruck bringe. Diesen Selbsthass wird es vielleicht gegeben haben, doch müßte mit ihm verbunden sein eine übersteigerte Zuwendung zu Deutschland, um dem angeblichen Makel zu entkommen. Die trifft auf Tucholsky nicht zu. Der Vorwurf des Selbsthasses kam vornehmlich von Zionisten, die seine Verhöhnung der Jüdischen Mittelschicht als verrat an den gesamten Juden betrachteten. Dabei traf Tucholskys Kritik hauptsächlich die Assimilationsjuden, die schon sein Mentor Siegfried Jacobsohn als das ,,verächtlichste Pack unter der Sonne`` bezeichnete. Er sah in diesen Juden Spießbürger und Kapitalisten, die er aber ebenso unter den Nicht-juden fand und polimisierte. Der Vorwurf seiner jüdischen Zeitgenossen, Tucholsky habe den Antisemitismus wenn nicht gefördert dann doch ignoriert, ist völlig absurd. Bereits 1921 schreibt er:,,Hierzulande kann nichts schiefgehen, ohne daß Monokelgesichter, die man sich besser in Unterhose denkt, den Juden die Schuld geben. Die Filme sind schlecht, weil sie von Juden hergestellt werden, die Lebensmittel sind teuer,weil die Juden wuchern, die Presse ist verjudet, die Regierung ist verjudet (vom lieben Gott verlautet noch ncihts näheres), und den Krieg haben wir verloren, weil die Juden heimtückisch die Front unterhöhlten.`` (Hepp, S. 16) Es ist im Gegenteil so, daß sich Tucholsky viel vehementer für die Rechte der aller Unterdrückten einsetzte und die Antisemiten stärker bekämpfte als die meisten Juden, die er polemisch überspitzt verdächtigte, germanischer als Hitler sein:,,Sie kenne diese Kurfürstendammtypen wie ich; wie stolz sie sind, wenn die Söhne Reserveroffiziere werden, wenn sie einen ,richtigen Amtsrichter` in der Familie habe - und die pflegen dann germanischer zu sein als Hitler. Von der Rolle der Rabbiner im Krieg ganz zu schweigen.,, (Hepp S. 62.) Seinem Selbstverständnis nach war er ein Weltbürger, der politisch Erich Mühsam, Rosa Luxemburg, Kurt Eisner und Ernst Toller nahe stand, und der mit seinen Mitteln deutschnationalen Dünkel und völkischen Nationalismus, egal ob von jüdischer oder nicht-jüdischer Seite bekämpfte. In Anknüpfung an die Ideale der Aufklärung kämpfte er für Humantität, soziale Gerechtigkeit, Selbstemanzipation und Selbstverantwortung. Daß die Frage des Judentums ihn nicht berühre, stimmt vielleicht in bezug auf seine eigene Person, aber nicht in bezug auf die Juden als Gruppe. Wie sehr ihn die Unentschlossenheit, der Opportunismus und mangelndes Freiheitsbewußtsein bei vielen der liberal-bürgerlichen Juden in Deutschland besonder nach 1933 bekümmerte, zeigen sein Brief an Walter Hasenclever und letztendlich sein Selbstmord in totaler Resignation:,,Selbst wenn man je wieder zurückkönnte: zu denken, daß ich den deutschen Juden, die da heute ihrem Peiniger noch die Peitsche halten, wieder die Hand geben soll - also ich nicht.`` (Hepp, S. 77) Zwei Jahre später setzt er noch einen drauf:,,Ein Jude, der nun noch in Deutschland lebt, wo er völlig wie in einem Zuchthäusler gehalten wird, das heißt, wie ein Mensch, der die bürgerlichen Ehrenrechte verloren hat, ist ein ehrloser Mensch. Er mag diese Ehrenrechte nicht hoch schätzen, das ist eine andere Sache. Aber sie empfinden die Kränkung nicht einmal. Also gebührt ihnen diese Behandlung. Es ist ein Sklavenvolk.`` (Hepp, S. 84) Vor diesen krassen Aussagen kann man Sholems Urteil über Tucholsky nachvollziehen. Doch konnte Tucholsky wissen, wie die Lage der Juden nach 1938 aussehen würde? Dazu kommt, daß er seit 1924 nicht mehr ständig in Deutschland wohnte. Wie konnte er die Situation ab 1933 angemessen einschätzen? In seinen Urteilen lebte er vermutlich immer noch in den vergleichsweise stabilen und demokratischen Verhältnissen der Weimarer Republik. Wenn man ihm einen Vorwurf machen kann, dann den, die Verhältnisse nicht mehr angemessen eingeschätzt und seine Enttäuschung und Kritik an die falsche Adresse gerichtet zu haben. Was mögen die Gründe für seinen Selbstmord gewesen sein? Resignierend zog Tucholsky vor seinem Freitod ein Resumé in einem Brief an Arnold Zweig: ,,Das Judentum ist besiegt, so besiegt, wie es das verdient - und es ist auch nicht wahr, daß es seit Jahrtausenden kämpft. Es kämpft eben nicht ... Nein, liebe Freunde. Getto ist keine Folge, Getto ist Schicksal.`` (Kurt Tucholsky, Brief an Arnold Zweig vom 15. Dezember 1935; Berlin, Arnold Zweig Archiv) Dieses extrem harte Urteil kommt in einer gewissen Weise den gängigen Gründen der Antisemiten für ihren Hass nahe, die Juden seien selber Schuld an ihrem Schicksal. Aber im Grunde scheint es mehr Ausdruck einer grundtiefen Enttäuschung über die Entwicklungen in Deutschland und die eigene Unfähigkeit der Einflußnahme zu sein. (Thomas Mann schreibt später in seinem Doktor Faustus der Neigung zur Innerlichkeit die Verantwortung für den Nationalsozialismus ebenso zu wie einem von Ethik und Moral gelösten Künstlertum.??)



Darstellung Else Lasker-Schüler Conclusio