Übergänge



Else Lasker-Schüler

ELSE LASKER-SCHÜLER, der sog. ,,schwarze Schwan Israels`` bekannte sich bewußt zu ihrer jüdischen Herkunft. Als expressionistische Dichterin später als eine der größten deutschen Dichterinnen gefeiert (sie erhielt 1932 den höchsten Dichterpreis, den Kleist-Preis), lebte sie in Berlin das Leben der Bohème bevor sie 1933 emigrierte. Sie thematisierte sowohl in ihrer Dichtung als auch in ihrem Alltagsleben jüdisch-vorderorientalische Themen. Als imaginäre Orientalin in Seide gekleidet und mit Glasperlen geschmückt, war sie in Berliner Kunstkreisen als Exentrikerin bekannt. Wie auch für andere jüdische Schriftsteller wie zum Beispiel Jakob Wassermann, waren nicht die Ostjuden Ausdruck von Authenitzität, sondern die Orientalischen.

Geboren wurde sie in einer akkulturierten bürgerlichen Familie in Elberfeld. Aus dem frühen Gefühl heraus, von anderen unverstanden und von der Gemeinschaft ihrer Gleichaltrigen ausgeschlossen zu sein, entwickelte sie eine ganz eigene Vorstellung von sich selber in einer Mischung aus großem Stolz und gleichzeitiger Einsamkeit. Da sie als Kind an einer Form von Epilepsie leidete, unterrichteten ihre Eltern sie zu Hause, was die Entfremdung noch verstärkte. In dieser Zeit fing sie an, sich in der Bibel eine Vorbildfigur zu suchen: Joseph. Joseph, vom Ausgestossenen zum Auserwählten, beeindruckte sie, weil sie Parallelen zu ihrem eigenen Leben sah. Später in Berlin sollte sie als Joesph bzw. Jussuf, dem vorderorientalischen Prinzen verkleidet zu einer Berühmtheit werden. Sie war in Berlin Teil der expressionistischen Kunstszene und war in zweiter Ehe mit dem Herausgeber des expressionistischen Magazins Der Sturm Herath Walden, eines akkulturierten und sekularisierten Juden verheiratet.

Ihre Gedichten und auch Zeichnungen behandeln jüdisch-orientalische Themen in Verbindung mit christlich-europäischen. Die Titel ihrer Bücher Die Nächte Tino von Bagdads und Der Prinz von Theben verraten bereits ihren Bezug zum orientalischen Kulturkreis. Sie selber las ihr Leben lang die Bibel und die Kaballa, ohne jedoch den Willen zum Erlernen des Hebräischen gehabt zu haben. Sie war keine religiös-orthodoxe Jüdin, sondern bekannte sich zum Mystischem, in dem auch Platz für Heilige anderer Reiligionen war. Sie glaubte nicht an die völlige Assimilation, sondern hielt es für wesentlich, daß sich Juden ihrer eigenen Kultur und Geschichte erinnerten. Ähnlich wie Tucholsky verachtete sie die verbürgerlichten, assmilierten und akkulturierten Juden, denen sie vorwarf, daß ,,sie [ihre] Sprache mißachten, ihre Ohren verwachsen seien und sie nach Zwergereien horchen und Gemauschel. Sie essen zuviel, sie sollten lieber hungern.``Brief an Martin Buber, zitiert in Donna K. Heizer, op. cit., S. 34. Sie selber trennte sich von ihren beiden Ehemännern, weil sie zu verbürgerlicht und akkulturiert seien, und lebte in den zwanziger Jahren verarmt und hungernd in Berlin. Ihre Radikalität in bezug auf ihre eigene Lebensführung war wohl auch zeittypisch. Ebenso war ihre Begeisterung für den Orient teilweise auch ein Modeerscheinung. Dennoch ging sie viel weiter als die anderen und entwickelt eine eigene Sprache, das Asiatisch, in der sie arabische, türkische und hebräische Laute zu einer neuen Sprache verband, die freilich nur sie verstand. Diese neue Lautsprache sollte in ihr und ihren Zuhörern Konnotationen zu den von ihr sogenannte ,,Wildjuden`` wecken. Wildjuden, das waren die jüdischen Menschen der Bibelzeit und das waren Menschen ihrer imaginären Gemeinschaft. Wie Tucholsky wurde sie von allen Seiten angegriffen: Von den Zionisten, weil ihre neue jüdische Literatur nichts mit der klassischen hebräischen Literatur gemein hatte und sie eine jüdische Synthese von westlicher und östlicher Kultur versuchte (und vermutlich auch, weil sie als Frau eine zu exentrische Persönlichkeit war). Von den Konservativen und Nazis, weil sie zum einen einer in ihren Augen dekadenten und entarteten Kunstszene angehörte. Sie fühlte sich als Orientalin und fremd im modernen, technischen Deutschland. Man könnte meinen sie sponn sich ihre eigene Welt zurecht, die nicht die ihrer meisten Mitjuden und erst recht nicht ihrer christlichen Mitbürger war. Ähnlich wie die Präraffaeliten und Teile der deutschen Romantiker im antiken Rom ihre geistige Heimstätte gegen die bestehende Welt sahen, zog der biblische Orient Lasker-Schülers Fantasie an. Daß dieser Ort ein Ort ihrer Fantasie und nicht etwa Realität, wurde ihr bewußt, als sie 1933 Deutschland verlassen mußte. 1939 in Palästina war sie von den europäischen Juden ebenso entfremdet wie von den Arabern. Ihr wurde schmerzlich bewußt, daß sie ihre literarischen Lebenswurzeln in Deutschland hat. Nach dem Krieg kehrte sie nach Deutschland zuruck. WO IST DAS ZITAT?



Darstellung Darstellung Kurt Tucholsky