Übergänge



Darstellung

Hier sollen ein paar wenige wichtige intellektuelle Persönlichkeiten der Weimarer Republik vorgestellt werde, die alle auf eine Weise mit dem Judentum verbunden waren. Diese Verbundenheit war aber meistens von sehr unterschiedlicher Qualität, wie es besonders der Vergleich von ELSE LASKER-SCHÜLER und KURT TUCHOLSKY zeigen werden.

Zu den wichtigsten Sprachkritikern dieses Jahrhunderts gehörte KARL KRAUS. Er war der Herausgeber der ,,Fackel`` und u. a. Verfasser der monumentalen Tragödie ,,Die hundert letzten Tage der Menschheit``, in der er sich gegen den Ersten Weltkrieg wandte. (Es wurde im übrigen erst 1964 aufgeführt) Zu seinem ,,Kampf gegen Justiz, Militarismus und konservative Presse``Nachama 1992, op. cit., S. 654 kam früh auch ein Kampf gegen den Mißbrauch der Sprache. ,,Mit seiner Zeitschrift Die Fackel verfügt Karl Kraus über ein Medium der Kritik an gesellschaftlichen Zuständen, das eine Form von Sprachkritik praktizierte, deren Einfluß bis heute reicht.``Ebd. Zum Kreis um Karl Kraus gehörte auch ELSE LASKER-SCHÜLER.

Die Entwicklung des modernen deutschen Theaters ist unzertrennlich mit dem Namen MAX REINHARDT verbunden. Max Reinhardt, der eigentlich Max Goldmann hieß, gilt als der Begründer des modernen Großraum- und Massentheaters. Neben den deutschen Klassikern, die er in Berlin im, vom ebenfalls jüdischen Otto Brahm (1856-1912) übernommenen Deutschen Theater inszenierte, führte er auf der ihr angegliederten Experimentierbühne zeitgenössische und expressionistische Stücke auf. Er ebnete dem modernen Theater damit den Weg. 1920 begründete er die Salzburger Festspiele und galt als einer der angesehensten deutschen Regisseure. Seine enge Verbindung zu Deutschland zeigte sich unter anderem dadurch, daß er seine Theater 1933 dem ,,deutschen Volk`` übereignete. Er emigrierte 1938 nach New York, wo er 1943 starb.

Einer, der die verschiedensten Positionen in sich vereint, ist der Schriftsteller ARNOLD ZWEIG. In den 20er Jahre lebt er in Berlin als expressionistischer Schriftsteller und Redakteur der zionistischen ,,Jüdischen Rundschau``. Er war ein populärer Schriftsteller, dessen antimilitaristischer Roman Der Streit um den Sergeanten Grischa ebeso viel gelesen wurde wie Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues. Er selber war überzeugter Zionist und emigrierte 1934 nach Palästina. 1933, im französischen Exil notierte er unter dem Stichpunkt ,,Die Juden``: ,,1. Sie erkennen ihre Lage nicht - daß sie von den Linken leben - rücken sie nach rechts 2. sie erkennen ihre Feinde nciht, daß die herrschende Klasse sie nicht deckt 3. sie erkennen sich selbst nicht, daß ihre ,Ausgewähltheit` eine falsche Interpretation ihrer Geschichte und Rolle ist.``Nachama 1992, op. cit.,S. 637 Trotz dieser Kritik an der Blindheit der Juden, erhofft er sich ein besseres Leben in Palästina, wo der Jude ,,nach den Gesetzen seines Geistes [...] heller und gerader auferstehen wird``.Ebd., in einem Brief an Martin Buber von 1918 Aber das Leben in Palästina enttäuschte ihn so sehr, daß er nach dem Krieg ins kommunistische Deutschland zurückkehrte. 1948 ging er wieder nach Berlin, um 1949 Abgeordneter der ersten gewählten Volkskammer der DDR und Präsident der Deutschen Akademie der Künste zu werden.

Mit Arnold Zweig verbunden war LION FEUCHTWANGER, der sich in seinen Büchern sehr stark mit seiner jüdischen Identität auseinandersetzte, zum Beispiel im populären Roman Jud Süß von 1925 (in dem er eigentlich ein Portrait Walter Rathenaus in der Figur des Finanzrats Joseph Süß-Oppenheim zeichnet) und seiner Josephus-Trilogie (Der jüdische Krieg, 1932, Die Söhne, 1935 und Der Tag wird kommen, 1945), die sich mit dem jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus beschäftigt, der sich von einem ,,illusionistischen Linksintellektuellen zu einem entschlossenen Kämpfer für die Freiheit Gallileas entwickelt``Hoffmann, S. 453 Parallelen zu seinem eigenen Leben sind wohl in den Romanen inbegriffen. Während bei Zweig der jüdische Kosmopolitismus ins nationalistische wechselt, verfolgt Feuchtwanger bis zu seinem Tod 1958 die an die Aufkläreung anlehnende Idee, daß die Juden als Kosmopoliten für eine Synthese der Gleichberechtigung unterschiedlicher Denk- und Lebensformen eintreten sollten. Er faßt es so zusammen: ,,Ich bin ein deutscher Schriftsteller, mein Herz schlägt jüdisch, mein Denken gehört der Welt.``Nachama 1992, op. cit., S. 635. Ähnlich drückt sich auch der Weltbühne-Mitarbeiter ERNST TOLLER 1933 in einer subjektivistisch-kosmopolitischen Note aus:,,Eine jüdische Mutter hat mich geboren, Deutschland hat mich genährt, Europa hat mich gebildet, meine Heimat ist die Erde, die ,Welt` meine Vaterland.``Zitiert in Jost Hermand 1996, op. cit., S. 149.

Im Vergleich dazu ein Zitat von Sigmund Freud, der sich zeitlebens zum Judentum bekannte, auch wenn er kein praktizierender Jude war: ,,Meine Sprache ist deutsch. Meine Kultur [...] ist deutsch. Ich habe mich intellektuell als Deutscher betrachtet, bis ich des Wachstums antisemitischer Vorurteile in Deutschland und in Deutschösterreich gewahr wurde. Seitdem ziehe ich es vor, mich einen Juden zu nennen.``Zitiert in: Einleitung von Peter Gay zu Sigmund Freud. Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. Der Humor, Frankfurt am Main: Fischer 1992, S. 13.

(Unter den Kunstkritikern ist CARL EINSTEIN zu nennen, dem ,,Propheten der Avantguarde``, der ein Walter Benjamin vergleichbares Leben führte. Beide zog es irgendwann nach Paris, beide nahmen sich auf der Flucht das Leben.)

Das Spektrum der Betätigung von Juden ging von allen politischen Richtungen aus. Viele waren Linke und unorthodoxe Marxisten (Gustav Landauer, Walter Benjamin, Frankfurter Schule, John Heartfield, etc.), einige hielten sich immer noch in der liberal-bürgerlichen Ecke ihrer Eltern auf, und einige ergriffen leidenschaftlich das Wort auf der Rechten Seite der deutschnationalen Patrioten (z. B. Max Reinhardt, Alfred Kerr oder Paul Cassirer). Ihre kulturell-reliogöse Selbstsuche konnten von totaler Sekularisierung und Akkulturation, über das Vorbild der Ostjuden und orientalischen Juden in der Symbiose mit Deutschland bis hin zum Zionismus gehen.

Alle werden auf die eine oder andere Art aus Deutschland verschwinden. Die einen begehen Selbstmord, die anderen gehen wie auch manche Nicht-Juden ins Exil. Die Allermeisten werden nicht mehr nach Deutschland zurückkehren und ein ständiges Exilantenleben führen, auch wenn sie sich für immer niedergelassen haben (vgl. Georg L. Mosse:,,Ich bleibe Emigrant`` Titel eines Interviewbuches von 1991). Von den insgesamt etwa 30.000 politischen Exilanten kehren etwa 60% der nicht-jüdischen und nur 4% der jüdischen Emigranten zuürck. Die irritierte Identität und Unsicherheit aus der Weimarer Zeit wird bei den meisten von ihnen bleiben. Carl Einstein nahm dies in einem Tagebucheintrag vom 18. Februar 1933, 19 Tage nach der ernennung Hitlers zum Reichskanzler, vorweg: ,,ich sehe, immer mehr werde ich allein sein. jude, deutsch-sprechend, in frankreich. jude ohne gott und ohne kenntnis unserer vergangenheit, deutschsprechend, doch gewillt, die deutsche sprache wie meine Landsleute und gleichzungigen faul und müde versacken zu lassen. in frankreich, d. i. ohne Leser. nie werde ich in französischer Dichtung zu hause sein; denn ich träume und sinniere deutsch. also nun bin ich durch Hitler zu völliger Heimatlosigkeit und fremdheit verurteilt.`` (Jüdisches Leben, S. 675)

Am Beispiel von 2 Personen soll das Spektrum der verschiedenen Lebensentwürfe beleuchtet werden. Zum einen Else Lasker-Schüler, auf der Suche nach ihrer eigenen Identität und Athentizität, und zum anderen Kurt Tucholsky, von allen Seiten beschimpft und sich zumindest äußerlich nicht um eine jüdische Thematik drehend.



 

No Title Spektrum jüdischer Beteiligung Else Lasker-Schüler