Übergänge



Conclusio

Die Liste der auf welche Weise auch immer mit dem Judentum in Verbindung stehenden Menschen ist sehr lang. Ich habe hier nur sehr oberflächlich ein paar wenige herausnehmen können, um ein grobe Collage zu bekommen. Zusammenfassend fällt es sehr schwer, aus all diese verschiedenen Menschen und ihre Lebensschicksalen eine griffige These zu formulieren. George L. Mosse versucht in seinem Buch German Jews Beyond Judaism eine Klassifizierung der jüdischen Inteligenzja in vier Gruppen:
1.
deutsch-jüdische Populärschriftsteller, wie Berthold Auerbach, Jakob Wassermann, Emil Ludwig und Stefan Zweig, denen es nicht nur um Unterhaltung, sondern auch um die Verbreitung von Bildungsidealen ging.
2.
deutsch-jüdische Gelehrte wie Sigmund Freud, Herman Cohen, Aby Warburg, Erwin Panofsky und Ernst Cassirer, die nie Fachspezialisten gewesen seien, sondern sich Träger eines höheren Bildungsbewußtsein gefühlt hätten.
3.
deutsch-jüdische Linksintellektuelle von Karl Marx und Ferdinand Lasalle bis hin zu Kurt Eisner, Georg Lukàcs, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Walter Benjamin und Herbert Marcuse.
4.
deutsche Zionisten, die sich wie Martin Buber, Robert Weltsch, Hans Kohn und Hugo Bergmann sowohl für eine Humanisierung des zionistischen Nationalismus als auch für eine Beibehaltung der deutschen Kulturgüter in Palästina und dann in Isreal eingestzt hätten.
(aus Hermand, S. 196)

Die Anteilnahme am kulturellen Leben der Weimarer Republik war sehr groß. Ob dies so ist, wie es Stefan Zweig meinte, weil ,,der eigentliche Wille des Juden, sein immanentes Ideal [...] der Aufstieg ins Geistige, in einer höhere kulturelle Schicht``(Jüdisches Leben, S. 661) sei, kann ich nicht beantworten. Ihre Entscheidungen und Reaktionen auf den wachsenden Antisemitismus während der Weimarer Republik und nach der Machtübertragung auf die Nazis 1933 jedenfalls waren sehr unterschiedlich. Ihnen allen gemeinsam war, daß sie in Deutschland nicht mehr leben konnten und erkennen mussten, daß die deutsch-jüdische Symbiose, oder das ,,deutsch-jüdische Gespräch``, sich als trügerisch herausgestellt hatte. Ihre eigenen Lebenskonzepte waren endgültig zusammengebrochen.

Es ist schwierig, angesichts des hereinbrachenden Unheils der Shoa, die Handlungen und Entscheidungen dieser Menschen nicht anachronistisch zu beurteilen. Obwohl viele von ihnen vor den Nazis massiv warnten und eine große Bedrohung und Verfolgung vorhersagten, konnte (meiner Meinung nach) niemand das Geschehene denken, das Ausmaß des Kommenden erfassen. Haben die Zionisten immer recht gehabt? Hatte Gershom Scholem in seiner Kritik an seinen jüdischen Kollegen und Freunden recht, wenn er Positionen wie die George L. Mosses angreift und es als ,,Blasphemie`` bezeichnet, wenn dieser von einem ,,deutsch-jüdischen Gespräch oder Symbiose`` schreibt (Hermand, S. 197).

War der beschrittene Weg der Jüdisch-Deutschen Symbiose eine Täuschung, die Ideale der Aufklärung nur vordergründig? Kann man, in allem Respekt, den damals in Deutschland lebenden Intellektuellen und Künstlern, egal ob jüdisch oder nicht, den Vorwurf machen, die Lage verkannt zu haben und fast naïv an eine deutsch-jüdische Zukunft geglaubt zu haben? Wird die Feststellung des Hamburger Bankiers Max Warburg (1867-1945) aus dem Anfang der 30er Jahren im Nachhinein als typische Selbsttäuschung, als Ergebnis des ,,Scheinmanövers``, wie es Alfred Döblin 1935 nannte, zu verstehen sein?:,,[...] nirgendwo in neuerer Zeit [ist] das kulturelle Zusammenwirken von Juden und Nichtjuden so fruchtbar [...] und die Resultate so positiv [...], wie im Deutschland des neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts.`` (Zitiert in: Michael A. Meyer. Op. cit. S. 190.)

(Nein, ich denke nicht. Ich denke nicht, daß der Zionismus und die Abwendung von Deutschland der einzig gehbare Weg war. Ausschwitz vor Augen neigt man wohl, den eigenen Nationalstaat als Lösung zu sehen, und alles andere wird von dem Ergebnis der Shoa erschlagen. Aber die noch in anderen Ländern lebenden Juden wie zum Beispiel die USA, wo mehr Juden als in Israel leben, zeigen, daß der Zionismus auch für viele Juden nicht der einzige Weg war. Ich würde mich eher der Meinung George L. Mosses anschließen, der meint, daß ..)



No Title Kurt Tucholsky Abbildungen