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Neuinszenierung Gleisdreieck - Der Bahnhof als Bühne

1980 treten die drei Künstler in einem ersten gemeinsamen Projekt auf: in der ,,Neuinszenierung Gleisdreieck``. Während der Betriebszeiten der Berliner U-Bahn (4.15-0.47 Uhr) und mit dem Einverständnis der BVG intervenieren die Künstler am 3.4.1980 mit je einem Projekt in den Ablauf des Geschehens auf dem Bahnhof, der in unmittelbarer Nähe zu den Räumen der Lützowstraße 2 liegt. Der Titel sagt es bereits: der Bahnhof wird in Szene gesetzt, er wird als Teil der künstlerischen Arbeit Begriffen. Das Gleisdreieck lag vor dem Fall der Mauer eher am Rand West-Berlins. Nur wenige Menschen benutzten den Bahnhof, der in seiner Größe und Leere wahrscheinlich einem leeren Bühne Nahe kam. Die Situation eines wenig benutzten U-Bahnhofs, in dem die Berliner meist nur ausstiegen, um bei dem anbei gelegenen Postamt Pakete abzuholen, der zwar geografisch zentral in Berlin liegt, durch die politische Situation aber an den Rand gedrängt war und der seiner ehemaligen Funktion auch als Übergangsbahnhof zur U1 nur begrenzt erfüllte, die Situation mußte damals irreal gewirkt haben. Der Bahnhof konnte als Bühne aufgefaßt werden, ,,mit der Wirklichkeit als dem größten Akteur``[*]. Der Titel vermittelt der Intervention vermittelt diese Sichtweise: es handelt sich um eine Neuinszenierung des Bahnhofs Gleisdreiecks, die bereits bestehende Inszenierung suggerierend. Auf der Bühne der Bahnhofs inszenieren die drei Künstler Raimund Kummer, Hermann Pitz und Fritz Rahmann unter dem erstmals genannten gemeinsamen Produktionsnamen ,,Büro Berlin`` eine Choreografie des Realen.


Hermann Pitz installierte auf dem Bahnsteig entlang der Gleise eine Miniaturseilbahn: Er spannte einen 110 Meter langen Drahtseil in etwa 3 Meter Höhe parallel zur Bahnsteigkante auf und ließ eine 6 cm hohe Seilbahn aus Metall die Strecke langsam hoch und runter fahren. Die zum Bahnsteig zeigende Tür der Bahn ist geöffnet, und eine Figurine in Form eines fotografierenden Mannes zeigt sich den wartenden BahnbenutzerInnen. Er trägt einen Anzug und hält den Fotoapparat vor sein Gesicht, in der Momentaufnahme des fotografierenden Augenblicks. Der Fotoapparat verdeckt die Gesichtszüge des Mannes und löst aus der Entfernung betrachtet das Gesicht als prägenden Individualzug ab. Er erinnert in dieser Pose ein wenig an die in Berlin das Stadtbild mitbestimmenden Grenzsoldaten, die Grenze und die Menschen beobachtend das Fernrohr im Anschlag. Auf der westlichen Seite wiederholt sich diese Situation, wenn dem fotografierenden dritten Auge der Touristen kein Aspekt der Mauer und der Grenzer entgeht.

Aber hier auf dem U-Bahnhof, werden sich die Wartenden der Seilbahn überhaupt bewußt? Sehen Sie die kleine Figur und achten sie auf seine Tätigkeit? Werden Sie nicht vielmehr irritiert wegschauen? Warum überhaupt eine Seilbahn und was soll dieser Mann darin? An dieser Stelle des Berliner U-Bahnnetzes steigt die U2 aus der Erde auf und fährt ein paar Minuten überirdisch um dann wieder in die Tiefe hinab zu gleiten. Am U-Bahnhof Gleisdreieck ist die U-Bahn streng genommen keine U-Bahn, sondern eine Hochbahn. Die Assoziation von der über die Autos und Straßen, an den Häusern vorbei fahrendenden Hochbahn, von der aus man eine weiter Sicht über die Stadt Berlin und auch über die Mauer haben konnte, die also fast schon einen touristischen Wert hatte, zu einer Seilbahn zur Überwindung größer Strecken in den Bergen, vor allem von Höhenunterschieden, ist also naheliegend. Obwohl die Bahn in drei Meter Höhe hängt, kann sie von aufmerksamen Beobachtern bemerkt werden, vor allem weil sie sich langsam hin- und herbewegt. Zu spekulieren bleibt, ob sich die Wartenden auch die Mühe gemachzt haben, sich den Seilbahn genauer anzuschauen und sich angeregt fühlten, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und über die etwas irreale Situation Gedanken zu machen. An diesem Punkt wird das Konzept des Büro Berlin erkennbar, mit der öffentlichen Siutaion als genuiner Bestandteil des Kunstwerks zu arbeiten. Die Seilbahn an sich ist nicht ein eigenständig konzipiertes Kunstwerk, sondern die Situation des U-Bahnhofs und die Reaktion der Passagiere sind unzertrennlich damit verbunden. WEITER INTERPRETATION


Die Intervention von Fritz Rahmann geschieht sowohl in unmittelbarer Nähe zur Seilbahn auf dem einen Ende der Plattform als auch auf den beiden anderen Ebenen dieses U-Bahnhofs, auf der Treppe bzw. dem Treppenabsatz und auf der Straße am Eingang zur U-Bahn.


Raimund Kummer bespielte den Bahnhof mit drei ,,Dressmen``, die in roten Overalls gekleidet den Tag auf dem Bahnsteig verbrachten. Drei Künstlerfrunde zogen sich die Arbeitskleidung an, die in farblichen Kontrast zu den ebenfalls immer wieder auf dem Bahnsteig auftauchenden Arbeitern der BVG standen. Sie sollten den kommunikativen Gegenpart zu diesen bilden. Der Titel dressmen täuscht gut gekleidete Geschäftsmänner in dunklen Zweireihern vor. Die arbeitende Bevölkerung in dieser Situation ist zwar dressed to work, aber in einer vielleicht eher berlintypischen Eleganz. Die blaumännertragenden Arbeiter sind ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit von Kummer, bilden sie doch den Bezugspunkt zu den vermeintlich ebenfalls für die BVG arbeitenden drei Männer. Das Rot als Signalfarbe unterschied die drei Künstler, ansonsten bewegten sie sich frei den ganzen Tag über auf dem Bahnsteig, als gehörten sie funktional zum Bahnhof. Den Arbeitern der BVG wird der Unterschied aufgefallen sein, den Passagieren vermutlich nicht. Sie werden sie eher für Angestellte der Verkehrsbetriebe gehalten haben, die eventuell etwas mit den bereits bemerkten Baustellen auf der Treppe zu tun haben. Die drei Dressmen mußten sich nicht an eine bestimmte Choreografie halten, sie konnten herum gehen und mit der Umwelt kommunizieren. Sie sollten jedoch immer wieder an den markanten Punkten des Bahnhofs, an der Treppe, am Wartehäuschen, an den Fahrplänen etc. stehen und sich den Passagieren als lebende Signalwirkungen präsentieren. (Bereits 1978 hatte Kummer ein nicht realisiertes Projekt konzipiert, wo zwischen dem Bahnhof und einer nahe gelegenen Fabrikhalle eine akustische Übertragung statt finden sollte. JAUND?) Inszenierte Anwesenheit, gegenüber den festen Interventionen von Rahmann und Pitz boten die drei Männer die Möglichkeit der aktionistischen Reaktion auf die Gegebenheit, auf das Publikum, Arbeit mit dem Publikum. Keine Konstruierung von Situationen, sondern adas INszenieren von Situationen.


Die eintägige Inszenierung auf dem U-Bahnhof Gleisdreieck war eine Intervention im öffentlichen Raum, die über eine subtile Irritation der Passagiere hinausgeht. Die drei Künstler thematisieren vielmehr das Verhältnis von künstlerischer Identität und öffentlichen Arbeitsbedingungen. Die Öffentlichkeit, die Realität wird als genuiner Bestandteil, als ,,Produktionsmittel`` der künstlerischen Konzeption wahrgenommen. Diese ergänzt sich mit der künstlerischen Persönlichkeit. Die Dokumentation durch einen FIlm und durch die Photographien sind notwendig, um dem zwar temporären, jedoch nicht ephemeren Charakter der Arbeiten gerecht zu werden: ,,die temporäre Existenz der Arbeit, die in einer andere Zeitlichkeit der angetroffenen und wieder verlassenen Situation eingespeist ist``,[*] bedarf der fotografischen Fixierung. Baustelle, Seilbahn und Dressmen benutzen den Bahnhof als bereits bestehende ästhetische Realität...



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stern89 2001-07-18