Hermann Pitz installierte auf dem Bahnsteig entlang der Gleise eine Miniaturseilbahn: Er spannte einen 110 Meter langen Drahtseil in etwa 3 Meter Höhe parallel zur Bahnsteigkante auf und ließ eine 6 cm hohe Seilbahn aus Metall die Strecke langsam hoch und runter fahren. Die zum Bahnsteig zeigende Tür der Bahn ist geöffnet, und eine Figurine in Form eines fotografierenden Mannes zeigt sich den wartenden BahnbenutzerInnen. Er trägt einen Anzug und hält den Fotoapparat vor sein Gesicht, in der Momentaufnahme des fotografierenden Augenblicks. Der Fotoapparat verdeckt die Gesichtszüge des Mannes und löst aus der Entfernung betrachtet das Gesicht als prägenden Individualzug ab. Er erinnert in dieser Pose ein wenig an die in Berlin das Stadtbild mitbestimmenden Grenzsoldaten, die Grenze und die Menschen beobachtend das Fernrohr im Anschlag. Auf der westlichen Seite wiederholt sich diese Situation, wenn dem fotografierenden dritten Auge der Touristen kein Aspekt der Mauer und der Grenzer entgeht.
Aber hier auf dem U-Bahnhof, werden sich die Wartenden der Seilbahn überhaupt bewußt? Sehen Sie die kleine Figur und achten sie auf seine Tätigkeit? Werden Sie nicht vielmehr irritiert wegschauen? Warum überhaupt eine Seilbahn und was soll dieser Mann darin? An dieser Stelle des Berliner U-Bahnnetzes steigt die U2 aus der Erde auf und fährt ein paar Minuten überirdisch um dann wieder in die Tiefe hinab zu gleiten. Am U-Bahnhof Gleisdreieck ist die U-Bahn streng genommen keine U-Bahn, sondern eine Hochbahn. Die Assoziation von der über die Autos und Straßen, an den Häusern vorbei fahrendenden Hochbahn, von der aus man eine weiter Sicht über die Stadt Berlin und auch über die Mauer haben konnte, die also fast schon einen touristischen Wert hatte, zu einer Seilbahn zur Überwindung größer Strecken in den Bergen, vor allem von Höhenunterschieden, ist also naheliegend. Obwohl die Bahn in drei Meter Höhe hängt, kann sie von aufmerksamen Beobachtern bemerkt werden, vor allem weil sie sich langsam hin- und herbewegt. Zu spekulieren bleibt, ob sich die Wartenden auch die Mühe gemachzt haben, sich den Seilbahn genauer anzuschauen und sich angeregt fühlten, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und über die etwas irreale Situation Gedanken zu machen. An diesem Punkt wird das Konzept des Büro Berlin erkennbar, mit der öffentlichen Siutaion als genuiner Bestandteil des Kunstwerks zu arbeiten. Die Seilbahn an sich ist nicht ein eigenständig konzipiertes Kunstwerk, sondern die Situation des U-Bahnhofs und die Reaktion der Passagiere sind unzertrennlich damit verbunden. WEITER INTERPRETATION
Die Intervention von Fritz Rahmann geschieht sowohl in unmittelbarer Nähe zur
Seilbahn auf dem einen Ende der Plattform als auch auf den beiden anderen
Ebenen dieses U-Bahnhofs, auf der Treppe bzw. dem Treppenabsatz und auf der
Straße am Eingang zur U-Bahn.
Raimund Kummer bespielte den Bahnhof mit drei ,,Dressmen``, die in
roten Overalls gekleidet den Tag auf dem Bahnsteig verbrachten. Drei
Künstlerfrunde zogen sich die Arbeitskleidung an, die in farblichen Kontrast
zu den ebenfalls immer wieder auf dem Bahnsteig auftauchenden Arbeitern der
BVG standen. Sie sollten den kommunikativen Gegenpart zu diesen bilden. Der
Titel dressmen täuscht gut gekleidete Geschäftsmänner in dunklen Zweireihern
vor. Die arbeitende Bevölkerung in dieser Situation ist zwar dressed to work,
aber in einer vielleicht eher berlintypischen Eleganz. Die
blaumännertragenden Arbeiter sind ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit von
Kummer, bilden sie doch den Bezugspunkt zu den vermeintlich ebenfalls für die
BVG arbeitenden drei Männer. Das Rot als Signalfarbe unterschied die drei
Künstler, ansonsten bewegten sie sich frei den ganzen Tag über auf dem
Bahnsteig, als gehörten sie funktional zum Bahnhof. Den Arbeitern der BVG wird der
Unterschied aufgefallen sein, den Passagieren vermutlich nicht. Sie werden
sie eher für Angestellte der Verkehrsbetriebe gehalten haben, die eventuell
etwas mit den bereits bemerkten Baustellen auf der Treppe zu tun haben. Die
drei Dressmen mußten sich nicht an eine bestimmte Choreografie halten, sie
konnten herum gehen und mit der Umwelt kommunizieren. Sie sollten jedoch
immer wieder an den markanten Punkten des Bahnhofs, an der Treppe, am
Wartehäuschen, an den Fahrplänen etc. stehen und sich den Passagieren
als lebende Signalwirkungen präsentieren.
(Bereits 1978 hatte Kummer ein
nicht realisiertes Projekt konzipiert, wo zwischen dem Bahnhof und einer nahe
gelegenen Fabrikhalle eine akustische Übertragung statt finden sollte.
JAUND?) Inszenierte Anwesenheit, gegenüber den festen Interventionen von
Rahmann und Pitz boten die drei Männer die Möglichkeit der aktionistischen
Reaktion auf die Gegebenheit, auf das Publikum, Arbeit mit dem Publikum.
Keine Konstruierung von Situationen, sondern adas INszenieren von
Situationen.
Die eintägige Inszenierung auf dem U-Bahnhof Gleisdreieck war eine
Intervention im öffentlichen Raum, die über eine subtile Irritation
der Passagiere hinausgeht. Die drei Künstler thematisieren vielmehr das
Verhältnis von künstlerischer Identität und öffentlichen Arbeitsbedingungen.
Die Öffentlichkeit, die Realität wird als genuiner Bestandteil, als
,,Produktionsmittel`` der
künstlerischen Konzeption wahrgenommen. Diese ergänzt sich mit der künstlerischen
Persönlichkeit. Die Dokumentation durch einen FIlm und durch die
Photographien sind notwendig, um dem zwar temporären, jedoch nicht ephemeren
Charakter der Arbeiten gerecht zu werden: ,,die temporäre Existenz der
Arbeit, die in einer andere Zeitlichkeit der angetroffenen und wieder
verlassenen Situation eingespeist ist``,
bedarf der fotografischen
Fixierung. Baustelle, Seilbahn und Dressmen benutzen den Bahnhof
als bereits bestehende ästhetische Realität...