Bornholmer Straße: (e.)Twin Gabriel. Mind the Gap

Die Künstlergruppe (e.)Twin Gabriel entwickelte eigentlich für den Übergang Oberbaumbrücke eine Installation mit dem Titel ,,Mind the Gap``. Nachdem die Jury das Werk erst als temporäre Installation neben Thorsten Goldbergs ,,Stein-Papier-Schere`` vorgeschlagen hatte, sich für die Bornholmer Straße jedoch kein geeigneter Vorschlag finden lassen konnte, wurde es kurzer Hand als feste Installation an den S-Bahnhof Bornholmer Straße versetzt. Der Grenzübergang Bornholmer Straße auf der Bösebrücke (am S-Bahnhof Bornholmer Str.) war der erste innerstädtische Übergang, an dem am 9. November 1989 die DDR-Grenzschranken geöffnet wurden. ,,Mind the Gap``, den London-Touristen aus den Ansagen der dortigen Underground bekannt, soll als Motto der Erinnerung an eine Lücke, einen Spalt dienen. Statt der Underground haben wir es hier zwar mit einer S-Bahn zu tun, dafür wird der Spalt zwischen Ost und West durch die Eisenbahntrasse und die diesen Einschnitt übergreifende Brücke deutlich vor Augen geführt.

Die vorbeikommenden Menschen sind eingeladen, sich auf eine etwa 2 Meter lange, ovalförmige rote Kunststoffbank im Stile der 60er Jahre zu setzen, die ausschaut, als sei sie dem in der Nähe sich befindlichen Vitra.Design Museum entwendet worden. Aus den in der Rückenlehne eingesetzten Lautsprechern sind verschiedene Texte zu hören. Die Bank könnte eine Wartebank sein, auf der die PassantInnen kurz innehalten dürfen. Die Form der Bank erinnert an die typischen DDR-Straßenlaternen, die in etwa die gleiche Eiform hatten. Die fünf bis zehn Minuten langen Textschleifen bestehen aus teilweise veränderten Ausschnitten aus Agentenfilmen und zeitgenössischen Tondokumenten.

Verwendet wurden Tonausschnitte aus den Filmen ,,Der Schneemann``, ,,Der zerissene Vorhang`` von Alfred Hitchcock und ,,Das Quiller-Memorandum``, in dem unter anderem Szenen auf der Oberbaumbrücke vorkommen. Weiter wurden kurze und teilweise veränderte ,,Dialogfetzen`` ((e.)Twin Gabriel) aus Stasizitaten von 1989, Westdeutschen Kommentaren desselben Jahres und Zitate aus Stasiakten der Künstler zusammengestellt. Nach den Worten (e.)Twin Gabriels sei das Ziel ,,ein geheimnisvoller Dialog, der immer weiter geht. [...] Die Gesprächsteilnehmer belauern sich und verhalten sich in höchstem Maße konspirativ. Alles ist ungeheuer wichtig. Wirklich ausgesprochen wird eigentlich nichts. Der Hörer kennt die Sprüche zum Teil, so oder ähnlich. Man erinnert sich und schon geht es weiter im Strudel von gehetzten Floskeln und aberwitzigen Anmaßungen - halb real und halb erfunden. Und auch nicht mit der DDR ausgestorben.``4 Das Konspirative, sei es im Film oder im Leben, bekommt hier eine lächerliche Note. Durch die nur bruchteilhaften Informationen sind die Kommunikationspartner darauf angewiesen, das Fehlende zu ergänzen und das Kryptische zu entschlüsseln. Dies kann zu ,,aberwitzigen Anmaßungen`` führen, die ,,halb real und halb erfunden`` sind. Das nicht Ausgesprochene bekommt eine vordergründige Wichtigkeit, das aber nur der Form nach so wichtig ist, daß es nicht ausgesprochen werden kann, nicht unbedingt des Inhaltes wegen. Der Hörer kann versuchen, einen Teil dieses absurden Verhaltens auf der Bank nachzuvollziehen und sich eine Idee von einem Thriller oder einem Leben in der DDR zu machen. ,,Und auch nicht mit der DDR ausgestorben`` - sie verweisen darauf, daß es zwar keine Stasi mehr gibt (gleichwohl auch die BRD eine ganze Liga an Inlandsspionage, politischen Abteilungen, Staatsschutz und Abhörmechanismen entwickelt hat), aber daß es auch unter den Menschen im vereinigten Deutschland bestimmte Kommunikationsmechanismen der Halbwahrheiten, des Verschweigens und der Andeutungen gibt, die unter Umständen aberwitzige Konsequenzen haben können.

Die HörerInnen sollen sich sowohl über die formale Reminiszenz der Bank an die 60er Jahre als auch durch die Tonausschnitte aus den Agentenfilmen in die Zeit des Kalten Krieges und des konspirativ-romantischen Spionagelebens hineinversetzt fühlen. Die Konfrontation der fiktiven Tondokumente aus den 60er Jahren mit den realen Tondokumenten aus der Zeit des Falles der Mauer, läßt der Phantasie die Möglichkeit des Vergleichs und auch der Verwechslung. Die Grenze zwischen Realität und Phantasie wird in der Vorstellung unscharf. Der Übergang entsteht während des Hörens verschiedener Quellen in der Vorstellung der Hörers. Durch die Konfrontation von Agenten-Thrillern mit Stasitexten wird das schwer Vorstellbare hier neu produziert: Einem Westler werden die Dokumente der Stasi eher als ein 60er Jahre Film vorkommen, einen Ostler wiederum könnten die 60er-Jahre-Thriller vielleicht an die Spionagepraxis der Stasi erinnern. Dazu läßt die Gegenüberstellung von Westkommentaren zu Ostrealitäten die Frage nach der inneren Einheit Deutschlands offen. Das Verständnis füreinander ist schwer zu vermitteln. Die Erinnerung an alte Agentenfilme stößt auf die Erfahrung mit alten Stasispitzeln. Was für jemanden nur ein Film ist, ist für einen anderen sein Leben. Die selbe Verständisgrundlage werden beide nicht haben, es bleiben jedoch die Versatzstücke einer vergangenen Zeit.

In der Umsetzung der Arbeit zeigen sich leider einige Schwächen: zwar bietet sich die Situation auf der Bösebrücke geradezu an, eine Arbeit über Teilung, Überwindung der Trennung und die Erinnerung an die Lücke, an den Gap zu realisieren, doch bietet sich die Bank nicht im geringsten an, sie als Plattform dafür zu benutzen. Sie ist so geformt, daß ein bequemes Sitzen auf ihr fast nicht möglich ist. Das würde eventuell noch Sinn machen, wenn nicht der Passant, die Passantin aufgefordert wären, den Tondokumenten in Ruhe zuzuhören, die im übrigen leider nicht in Betrieb sind! Aber selbst wenn sie in Betrieb wären, würde es Vorbeikommenden vermutlich gar nicht erst auffallen, weil der Auto- und LKW-Verkehr in einem derart regen Übergang fließt, daß die Idee des Übergangs beim Zuhören und in der Vorstellungskraft ad absurdum geführt wird. Der einzige Übergang in der Phantasie bleibt die Erinnerung an einen viel befahrenen Straßenübergang. Der Gap in der Umsetzung wird leider auch nicht durch die Beschriftung auf dem nahe gelegenen Brückengeländer gefüllt, den die Tafel verrät fast nichts über die Zusammenhänge von Bank, Wettbewerb und historischem Kontext. So bleibt das Kunstwerk am Ende einfach nur das «rote Ei», mit dem keiner so recht etwas anzufangen weiss.



Ergebnisse Ergebnisse Chausseestraße: Karla Sachse. Kaninchenfeld