Übergänge



Berliner Zeitung, 13.09.1996

Datum:   13.09.1996
Ressort:   Kultur
Autor:   Michael Mönninger

Mit Spielplatz-Möbeln gegen den Gedächtnisschwund

Der Künstlerwettbewerb für die Gestaltung der Berliner Grenzübergänge

Als die Franzosen 1989 das zweihundertste Jubiläum ihrer Großen Revolution feierten, forderten sie weltweit siebenhundert Künstler zu einem Ideenwettbewerb für Denkmäler, Installationen oder Happenings auf. Da gab es Vorschläge, zum Quattorze Juillet auf der Place de la Concorde einen Revolutionskrater auszuheben oder vom Eiffelturm aus ein symbolisches Loch via Satellitenkontakt durch die Erde zum Südpazifik zu bohren.

Andere wollten sämtliche historischen Standsäulen in Paris umsetzen oder eine aus Plastiksteinen neuerbaute Bastille nochmals einreißen. Konservativere Teilnehmer dagegen schlugen vor, die königlichen Straßendurchbrüche quer durch die revolutionären Arbeiterviertel zu markieren und den Pariser Stadtgrundriß von 1789 nachzuzeichnen.

Aber das einzige, was von alledem schließlich realisiert wurde, war ein prächtiger Ausstellungskatalog mit 136 prämierten Künstlerideen, der bis heute als imaginäres Museum der monumentalen öffentlichen Konzeptkunst Bestand hat. Zur Erinnerung an die deutsche Revolution von 1989 wurden jetzt in Berlin aus 32 eingeladenen Teilnehmern sieben Künstler ausgewählt, die die ehemaligen Berliner Grenzübergänge markieren sollen. Doch weil die Arbeiten für eine stolze Dokumentation offensichtlich zu schmal sind, müssen sie wohl realisiert werden.

Metall-Kaninchen

Dann gibt es im nächsten Jahr auf der Chausseestraße einen Bodenbelag mit den eingelassenen Silhouetten von 120 Metall-Kaninchen als "Symbol der friedlichen Unterwanderung des Grenzstreifens" (Karla Sachse). Auf dem Bürgersteig der Sandkrugbrücke (Invalidenstraße) malt Gabriele Basch ein Mosaik aus Werbe-Logos von Ost- und West-Firmen, die als "visuelle Kommunikationsmittel der Gesellschaft" die Konvergenz der Systeme darstellen.

Leuchtkästen am Checkpoint Charlie zeigen wechselnde Porträts von sowjetischen und amerikanischen Soldaten - ein "Symbol für die alliierte Militärpräsenz" (Frank Thiel). Die Heinrich-Heine-Straße bekommt Tafeln mit der Aufschrift "Übergang" von Susanne Ahner und der Übergang Sonnenallee von Heike Ponwitz zwei Fernrohre je nach Osten und Westen mit verätzten Linsen, auf denen ebenfalls das Wort "Übergang" steht. An der Oberbaumbrücke blinken vom Frühjahr 1997 an zwei Neon-Hände von Thorsten Goldberg, die das Kinderspiel "Stein, Schere, Papier" und damit das menschliche Problem der Entscheidungsfindung abbilden. Und weil das zuweilen länger dauert, stellte Twin Gabriel daneben eine rote Plastikbank mit eingebauter Stereoanlage auf. Die Entwürfe sind zwar frei von französischer Ruhmsucht, aber schaffen dafür kaum den Sprung über die Wahrnehmungsschwelle herkömmlicher Stadtmöblierung. Doch seitdem nicht mehr nur Konservatoren, sondern auch der Regierende Bürgermeister die nahezu vollständige Entfernung der Berliner Mauer als Gedächtnisschwund beklagt, müssen selbst bescheidenste Markierungsversuche der Grenzübergänge ernst genommen werden.

Freilich können im sechsten Jahr des Berliner Stadtumbaus die Künstler nicht mehr retten, was die Verkehrs- und Bauplaner längst abgeräumt haben. Die erschreckende ästhetische Impotenz der prämierten Arbeiten, die eher an Spielplatz-Ausstattungen denken lassen, rührt von der unmöglichen Aufgabe her, an sieben Orten das nachzuholen, was fast auf der gesamten Mauerlänge von 45 Kilometern versäumt wurde. Weil es die bislang einzige spruchreife Initiative des Senats zum Erhalt der Grenztopographie ist - abgesehen von drei konservierten Reststückchen der Mauer -, werden die beauftragten Künstler jetzt zu hilflosen Watschenmännern und -frauen der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Auf den Müll

Wenn die Ersatz-Projekte im Frühjahr realisiert werden, dürfte der Streit um eine ernstzunehmende Grenzmarkierung mit einem Kupfer-oder Betonband, wie es erst Gerwin Zohlen und dann Angela Bohnen vorgeschlagen hatten, noch immer nicht entschieden sein. Dann gibt es verlorene Karnickel-Felder und blinkende Straßenschilder an irgendwelchen Straßenecken, die kaum einer zu entziffern vermag.

Andere Städte dagegen gehen auch mit unangenehmen Erinnerungen pfleglicher um. In Paris haben die Franzosen schon seit langem ihre verhaßte Bastille wenigstens im Straßenpflaster nachgezeichnet. Und in Rom hat die römische Christenheit den Ort ihres Martyriums sogar zum Siegeszeichen verwandelt, als sie den Grundriß des Kolosseums im ovalen Petersplatz verewigt haben.

Solche baukünstlerischen Überhöhungen verlangt indes keiner von Berlin. Aber hier gelingt weder die rudimentäre Freihaltung des Grenzstreifens noch ersatzweise die vollständige graphische Nachzeichnung des ehemaligen Grenzverlaufs. Lieber schmeißt Berlin wieder einmal eine der wichtigsten Erinnerungsspuren im Stadtplan auf den Müll und schickt die Künstler als Lumpensammler hinterher. Damit ist garantiert, daß postum die ehemalige Schandmauer vollends zur städtebaulichen Schande der Hauptstadt wird. +++


Berliner Zeitung,

Datum:   03.12.1997
Ressort:   Lokales
Autor:   Uwe Aulich

Zwei Hände und ein Kinderspiel, wo einst der Staat endete

Alle sieben ehemaligen Grenzübergänge werden künstlerisch gestaltet / Erstes Projekt an der Oberbaumbrücke

Acht Jahre, nachdem die DDR-Bürger durch die Grenzübergänge nach Westen gestürmt sind, werden die ehemaligen Kontrollstellen jetzt markiert und künstlerisch gestaltet. Den Auftakt der Aktion bildet die Oberbaumbrücke. Die Installation des Neuköllners Thorsten Goldberg soll am 18. Dezember fertig sein.

Zwei Leuchtkästen von je einem Meter Durchmesser werden am Mittelstück der Oberbaumbrücke befestigt, so daß sie von der Fahrbahn aus zu sehen sind. Rote, gelbe und blaue Neonlampen lassen mit Beginn der Dämmerung zwei Hände aufleuchten, die abwechselnd Figuren des Kinderspiels "Stein ­ Papier ­ Schere" zeigen. "Für mich ein Symbol, daß sich zwei Menschen gegenüberstehen und versuchen, zu einer Entscheidung zu kommen", sagt der Künstler. Gleichzeitig werde aber auch die Willkür dargestellt. Für Goldberg stehen die Hände ebenso für die erste, unkontrollierte Begegnung der Menschen nach dem Mauerfall. Etwa 90 000 Mark kostet die Installation. Ein Viertel weniger, als veranschlagt. Das Geld kommt aus dem Fonds "Kunst im Stadtraum" der Senatsbauverwaltung. Schon im März 1996 hatte diese einen Wettbewerb unter Berliner Künstlern ausgeschrieben, um die sieben früheren Grenzübergänge zwischen Ost- und West zu kennzeichnen. Der Grund: Berliner und Touristen hatten immer wieder nach dem Verlauf der Grenze gefragt.

Für zwei weitere Entwürfe steht der Baubeginn unmittelbar bevor. Bis zum Frühjahr soll am "Checkpoint Charlie" ein Leuchtkasten aufgestellt werden. Mit Porträts eines US- und eines russischen Soldaten. Den Entwurf lieferte Frank Thiel. Er will damit an die alliierte Militärpräsenz erinnern. An der Chausseestraße sollen 120 lebensgroße Kaninchensilhouetten aus Bronze in Fahrbahn und Gehwege eingelassen werden. Symbolisch für die "friedliche Unterwanderung", so die Künstlerin Karla Sachse.

Die Gestaltung der übrigen vier Grenzübergänge wird 1998 in Angriff genommen werden, sagt Karin Nottmeyer, Referatsleiterin "Kunst im Stadtraum". Für die künstlerischen Arbeiten auf der Sandkrugbrücke, im Tunnel der U-Bahn-Linie 8 (Heinrich-Heine-Straße), der Sonnenallee sowie an der Bornholmer Straße sind jeweils 130 000 Mark vorgesehen.

Aus dem Topf "Kunst im Stadtraum" soll auch ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer des Arbeiteraufstandes von 1953 finanziert werden. Heute läuft die Ausschreibung unter 84 deutschen Künstlern an. Als Orte für das Denkmal sind die Karl-Marx-Allee (ehemals Stalinallee), das Detlev-Rohwedder-Haus (ehemaliges Haus der Ministerien der DDR) sowie der Bereich Potsdamer/Leipziger Platz vorgesehen. Bis zum 17. Juni 1998 soll die Entscheidung gefallen sein.


Berliner Zeitung,

Datum:   15.10.1998
Ressort:   Lokales
Autor:   Ulrich Paul

Soldaten wieder am Checkpoint Charlie

An den ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie sind jetzt ein russischer und ein amerikanischer Soldat zurückgekehrt. Auf einem fünf Meter hohen Stahlpfeiler wurde ein Leuchtkasten montiert, in dem die Fotos der Soldaten gezeigt werden: Rücken an Rücken. Die 3,10 Meter hohen und 2,50 Meter breiten Bilder stammen vom Künstler Frank Thiel. Der "Leuchtkasten" ist Teil einer Aktion, bei der die sieben ehemaligen innerstädtischen Grenzübergänge künstlerisch gestaltet werden. Begonnen wurde die Kunstaktion an der Oberbaumbrücke. Nach und nach folgen Arbeiten an den übrigen Übergängen. (ulp.)


Berliner Zeitung,

Datum:   24.06.1999
Ressort:   Lokales
Autor:   Uwe Aulich

MITTE/TIERGARTEN

Bronze-Kaninchen markieren den Grenzübergang
Pünktlich zum 9. November sollen alle Kunstwerke an sieben früheren Kontrollpunkten fertig sein

Zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls sollen alle sieben Grenzübergänge zwischen dem ehemaligen Ost- und Westteil Berlins markiert sein. Bis zum 9. November will der Senat die dafür in Auftrag gegebenen Kunstprojekte verwirklicht sehen. Erst vor wenigen Tagen wurden die Kontrollstellen an der Chausseestraße zwischen Mitte und Wedding sowie der Übergang Sonnenallee (Neukölln/Treptow) gestaltet: Vier Fernrohre stehen an der Sonnenallee, an der Chausseestraße sind in Bronze die Umrisse von Kaninchen in den Asphalt eingelassen.

Sieben Entwürfe waren 1996 während des Wettbewerbs "Übergänge" unter 32 Vorschlägen ausgewählt worden. Den Wettbewerb hatte der Senat ausgelobt, weil Berliner und Touristen immer wieder nach dem Verlauf der Grenze gefragt hatten. Für jedes Projekt stehen aus dem Fonds "Kunst im Stadtraum" der Senatsbauverwaltung rund 130 000 Mark zur Verfügung, sagt Referatsleiterin Karin Nottmeyer.

Erst vor kurzem wurden auf den Gehwegen an der Sonnenallee vier Fernrohre montiert. Den Durchblick auf Wohnhäuser oder den überwucherten Mauerstreifen untertitelt das Wort "Übergang". Künstlerin Heike Ponwitz illustriert so die Sehnsucht nach Ferne, aber auch die Überwachung.

"Friedliche Unterwanderung"

Schwerer zu finden sind die Kaninchen-Silhouetten in der Chausseestraße. Nur 30 Zentimeter ist jede der 120 polierten Bronzeplatten lang. Sie wurden in den letzten Wochen am ehemaligen Kontrollpunkt zwischen Liesen- und Wöhlertstraße in den Asphalt eingelassen. Drei verschiedene Motive gibt es: liegende, hockende und springende Kaninchen. Künstlerin Karla Sachse sieht darin ein Symbol für friedliche Unterwanderung. Schon in den vergangenen Jahren wurden künstlerische Installationen an der Oberbaumbrücke und am Checkpoint Charlie angebracht.

Wie Karin Nottmeyer sagt, wird an den restlichen Projekten für die Übergänge Bornholmer Straße (Wedding/Prenzlauer Berg), Invalidenstraße (Tiergarten/Mitte) und Heinrich-Heine-Straße (Kreuzberg/Mitte) intensiv gearbeitet.

Für den Gehweg der Sandkrugbrücke in der Invalidenstraße schuf Künstlerin Gabriele Bausch ein 34 Meter langes Mosaik. Es zeigt 30 Markenzeichen deutscher Produkte. Gabriele Bausch: "Ich möchte, daß die Menschen wie über einen Teppich laufen und feststellen, daß die Zeichen nicht aus einem Guß sind. Daran sind die unterschiedlichen Stimmungen in Ost und West abzulesen."


Berliner Zeitung,

Datum:   24.06.1999
Ressort:   Lokales
Autor:   Uwe Aulich

MITTE/TIERGARTEN

Bronze-Kaninchen markieren den Grenzübergang
Pünktlich zum 9. November sollen alle Kunstwerke an den sieben früheren Übergängen fertig sein

Zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls sollen alle sieben Grenzübergänge zwischen dem ehemaligen Ost- und Westteil Berlins markiert sein. Bis zum 9. November will der Senat die dafür in Auftrag gegebenen Kunstprojekte verwirklicht sehen. Erst vor wenigen Tagen wurden die Kontrollstellen an der Chausseestraße zwischen Mitte und Wedding sowie der Übergang Sonnenallee (Neukölln/Treptow) gestaltet: Vier Fernrohre stehen an der Sonnenallee, an der Chausseestraße sind in Bronze die Umrisse von Kaninchen in den Asphalt eingelassen.

Sieben Entwürfe waren 1996 während des Wettbewerbs "Übergänge" unter 32 Vorschlägen ausgewählt worden. Den Wettbewerb hatte der Senat ausgelobt, weil Berliner und Touristen immer wieder nach dem Verlauf der Grenze gefragt hatten. Für jedes Projekt stehen aus dem Fonds "Kunst im Stadtraum" der Senatsbauverwaltung rund 130 000 Mark zur Verfügung, sagt Referatsleiterin Karin Nottmeyer.

Erst vor kurzem wurden auf den Gehwegen an der Sonnenallee vier Fernrohre montiert. Den Durchblick auf Wohnhäuser oder den überwucherten Mauerstreifen untertitelt das Wort "Übergang". Künstlerin Heike Ponwitz illustriert so die Sehnsucht nach Ferne, aber auch die Überwachung.

"Friedliche Unterwanderung"

Schwerer zu finden sind die Kaninchen-Silhouetten in der Chausseestraße. Nur 30 Zentimeter ist jede der 120 polierten Bronzeplatten lang. Sie wurden in den letzten Wochen am ehemaligen Kontrollpunkt zwischen Liesen- und Wöhlertstraße in den Asphalt eingelassen. Drei verschiedene Motive gibt es: liegende, hockende und springende Kaninchen. Künstlerin Karla Sachse sieht darin ein Symbol für friedliche Unterwanderung. Schon in den vergangenen Jahren wurden künstlerische Installationen an der Oberbaumbrücke und am Checkpoint Charlie angebracht.

Wie Karin Nottmeyer sagt, wird an den restlichen Projekten für die Übergänge Bornholmer Straße (Wedding/Prenzlauer Berg), Invalidenstraße (Tiergarten/Mitte) und Heinrich-Heine-Straße (Kreuzberg/Mitte) intensiv gearbeitet.

Für den Gehweg der Sandkrugbrücke in der Invalidenstraße schuf Künstlerin Gabriele Bausch ein 34 Meter langes Mosaik. Es zeigt 30 Markenzeichen deutscher Produkte. Gabriele Bausch: "Ich möchte, daß die Menschen wie über einen Teppich laufen und feststellen, daß die Zeichen nicht aus einem Guß sind. Daran sind die unterschiedlichen Stimmungen in Ost und West abzulesen."


Berliner Zeitung,

Datum: 24.06.1999
Ressort: Lokales
Autor: Uwe Aulich

Kaninchen "unterwandern" die Mauer

Kunstwerke markieren die früheren Grenzübergänge

MITTE/TIERGARTEN. Zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls sollen alle sieben Grenzübergänge zwischen dem ehemaligen Ost- und Westteil Berlins markiert sein. Bis zum 9. November will der Senat die dafür in Auftrag gegebenen Kunstprojekte verwirklicht sehen. Erst vor wenigen Tagen wurden die Kontrollstellen an der Chausseestraße zwischen Mitte und Wedding sowie der Übergang Sonnenallee (Neukölln/Treptow) gestaltet: Vier Fernrohre stehen an der Sonnenallee, an der Chausseestraße sind in Bronze die Umrisse von Kaninchen in den Asphalt eingelassen.

Sieben Entwürfe waren 1996 während des Wettbewerbs "Übergänge" unter 32 Vorschlägen ausgewählt worden. Den Wettbewerb hatte der Senat ausgelobt, weil Berliner und Touristen immer wieder nach dem Verlauf der Grenze gefragt hatten. Für jedes Projekt stehen aus dem Fonds "Kunst im Stadtraum" der Senatsbauverwaltung rund 130 000 Mark zur Verfügung, sagt Referatsleiterin Karin Nottmeyer.

Erst vor kurzem wurden auf den Gehwegen an der Sonnenallee vier Fernrohre montiert. Den Blick auf Wohnhäuser oder den überwucherten Mauerstreifen untertitelt das Wort "Übergang". Künstlerin Heike Ponwitz illustriert so die Sehnsucht nach Ferne, aber auch die Überwachung.

Schwerer zu finden sind die Kaninchen-Silhouetten im Asphalt der Chausseestraße. Nur 30 Zentimeter ist jede der 120 polierten Bronzeplatten lang. Drei verschiedene Motive gibt es: liegende, hockende und springende Kaninchen. Künstlerin Karla Sachse sieht darin ein Symbol für friedliche Unterwanderung. Schon in den vergangenen Jahren wurden künstlerische Installationen an der Oberbaumbrücke und am Checkpoint Charlie angebracht.

Mosaik für die Sandkrugbrücke

Wie Karin Nottmeyer sagt, wird an den restlichen Projekten für die Übergänge Bornholmer Straße (Wedding/Prenzlauer Berg), Invalidenstraße (Tiergarten/Mitte) und Heinrich-Heine-Straße (Kreuzberg/Mitte) intensiv gearbeitet. Für den Gehweg der Sandkrugbrücke in der Invalidenstraße schuf Künstlerin Gabriele Bausch ein 34 Meter langes Mosaik. Es zeigt 30 Markenzeichen deutscher Produkte. Gabriele Bausch: "Ich möchte, daß die Menschen wie über einen Teppich laufen und sehen, daß die Zeichen nicht aus einem Guß sind. Daran sind die verschiedenen Stimmungen in Ost und West abzulesen."


Berliner Zeitung,

Datum:   24.06.1999
Ressort:   Lokales
Autor:   ua.

Kaninchen "unterwandern" die Mauer

Kunstwerke markieren die früheren Grenzübergänge

MITTE. Zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls am 9. November sollen alle sieben Grenzübergänge zwischen dem ehemaligen Ost- und Westteil Berlins markiert sein. Der Senat hatte dafür Kunstprojekte in Auftrag gegeben. Erst vor wenigen Tagen wurden die Kontrollstellen an der Chausseestraße sowie der Übergang Sonnenallee gestaltet: Vier Fernrohre stehen auf den Gehwegen an der Sonnenallee. Den Durchblick auf Wohnhäuser oder den überwucherten Mauerstreifen untertitelt das Wort "Übergang". Künstlerin Heike Ponwitz illustriert so die Sehnsucht nach Ferne, aber auch die Überwachung. Schwer zu finden sind die in den Asphalt eingelassenen Kaninchen-Silhouetten an der Chausseestraße. Nur 30 Zentimeter ist jede der 120 polierten Bronzeplatten lang. In den liegenden, hockenden und springenden Kaninchen sieht ihre Schöpferin Karla Sachse ein Symbol für friedliche Unterwanderung.

Der Wettbewerb "Übergänge" war vom Senat ausgelobt worden, weil Berliner und Touristen immer wieder nach dem Verlauf der Grenze gefragt hatten. Für jedes Projekt stehen aus dem Fonds "Kunst im Stadtraum" der Senatsbauverwaltung rund 130 000 Mark zur Verfügung, sagt Referatsleiterin Karin Nottmeyer.

Bereits in den vergangenen Jahren wurden künstlerische Installationen an der Oberbaumbrücke und am Checkpoint Charlie angebracht. Laut Nottmeyer wird an den restlichen Projekten für die Übergänge Bornholmer Straße (Wedding/Prenzlauer Berg), Invalidenstraße (Tiergarten/Mitte) und Heinrich-Heine-Straße (Kreuzberg/Mitte) intensiv gearbeitet.

Für den Gehweg der Sandkrugbrücke in der Invalidenstraße schuf Künstlerin Gabriele Bausch ein 34 Meter langes Mosaik. Es zeigt 30 Markenzeichen deutscher Produkte. Gabriele Bausch: "Ich möchte, daß die Menschen wie über einen Teppich laufen und feststellen, daß die Zeichen nicht aus einem Guß sind. Daran sind die unterschiedlichen Stimmungen in Ost und West abzulesen." (ua.)


Berliner Zeitung,

Datum:   11.09.1996
Ressort:   Lokales
Autor:   güs

Denkmale erinnern an die Teilung Berlins

Kunst-Wettbewerb für die Gestaltung ehemaliger innerstädtischer Grenzübergänge entschieden

Die sieben früheren Grenzübergänge zwischen Ost- und Westberlin sollen wieder markiert werden. Gestern stellte die Senatsbauverwaltung die Ergebnisse eines künstlerischen Wettbewerbs vor.

Im März hatte die Senatsbauverwaltung den Wettbewerb zur Kennzeichnung der ehemaligen Grenzübergänge unter Berliner Künstlern ausgeschrieben, "weil die Berliner und ihre Besucher wieder nach dem Verlauf der Grenze fragen", sagte gestern der Staatssekretär für Planen und Wohnen, Ulrich Arndt.

Unter 32 Vorschlägen entschied sich die Jury unter dem Vorsitz des Wuppertaler Künstlers Wolfgang Rüppel für folgende Entwürfe.

Chausseestraße: In die Fahrbahn und in den Gehweg zwischen Liesenstraße und Wöhlertstraße werden 120 lebensgroße Kaninchensilhouetten aus Bronze eingelassen. Ein Symbol für friedliche Unterwanderung, erklärt die Künstlerin Karla Sachse.

Invalidenstraße: Auf dem nördlichen Gehweg der Sandkrugbrücke wird ein Mosaik aus Zeichen und Logos aus der DDR und der Bundesrepublik eingelassen. Die Künstlerin Gabriele Basch will damit die beiden Teile Deutschlands zu einem "ideellen Ganzen" zusammenfügen.

Friedrichstraße: Die Kreuzung Zimmerstraße erhält einen weithin sichtbaren Leuchtkasten mit Fotoporträts eines US-amerikanischen und eines russischen Soldaten. Eine Erinnerung von Frank Thiel an die alliierte Militärpräsenz.

Heinrich-Heine-Straße: Im Tunnel der U-Bahn-Linie 8 wird die Grenze mit einem weißen Strich markiert. Graue Schilder mit Worten wie "überdauert" erinnern an den Übergang. Die Künstlerin Susanne Ahner denkt dabei an die Westberliner, die diese Grenze per U-Bahn passierten.

Sonnenallee: Auf dem begrünten Mittelstreifen in Höhe des ehemaligen Grenzverlaufs werden zwei Fernrohre installiert, auf deren Linse das Wort "Übergang" geritzt ist. Sehnsucht nach Ferne, aber auch Überwachung symbolisiert Heike Ponwitz mit ihrem Entwurf.

Oberbaumbrücke: An den Trägern der Brücke werden Bilder aus Leuchtröhren befestigt, die von der Fahrbahn aus sichtbar sind. In Rot, Gelb und Blau übereinandergelegte Hände zeigen Figuren des "Stein-Papier-Schere"-Spiels. Ein Symbol von Thorsten Goldberg für den Versuch, eine Entscheidung zu finden.

Außerdem wird auf der Brücke für sechs bis zwölf Monate ein rotes Kunststoffsofa des Künstlerpaares "e Twin Gabriel" aufgestellt, aus dessen Lehne im 5- bis 10-Minuten-Takt Streitgespräche und Gezänk unterschiedlichen Inhalts erklingen.

Bornholmer Straße: Die Jury hat bislang keinen der eingereichten Entwürfe für gut befunden. Entschieden wurde, zunächst das rote Sofa hier aufzustellen, wenn es die Oberbaumbrücke verläßt.

Die Entwürfe sollen im nächsten Frühjahr auf Kosten der Senatsbauverwaltung realisiert werden. gus

Alle Entwürfe sind bis zum 20. September im 1. Stock in der Behrenstraße 42-45 zu sehen, täglich zwischen 10 und 17 Uhr. +++


Berliner Zeitung,

Datum:   03.12.1997
Ressort:   Lokales
Autor:   -

SYMBOLKRAFT

Stein, Papier, Schere

Die leuchtenden Hände zeigen abwechselnd und zufällig Figuren des Kinderspiels "Stein-Papier-Schere".

Symbolisiert wird Willkürlichkeit von Entscheidungen.

Thorsten Goldberg lieferte den Entwurf, Einweihung am 18. Dezember.


Berliner Zeitung,

Datum:   29.12.1997
Ressort:   Lokales
Autor:   -

Kunst am ehemaligen Grenzübergang

Zwei leuchtende Hände an der Oberbaumbrücke. Ständig wechselnd zeigen sie die Figuren des Kinderspiels "Stein-Papier-Schere". Der Neuköllner Künstler Thorsten Goldberg sieht seine Installation am ehemaligen Grenzübergang als Symbol dafür, daß sich "zwei Menschen gegenüberstehen und versuchen, zu einer Entscheidung zu kommen". Denn die Hände markieren eine der ehemaligen Kontrollstellen, durch die die DDR-Bürger vor acht Jahren nach Westen gestürmt sind. Wie die Oberbaumbrücke sollen in den kommenden Monaten auch die anderen sechs Übergänge künstlerisch gestaltet werden. Aus dem Senatsfonds "Kunst im Stadtraum" stehen jeweils 130 000 Mark zur Verfügung.


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T990104.172 TAZ-BERLIN Nr. 5726 Seite 18 vom 04.01.1999
100 Zeilen von TAZ-Bericht Jutta Wagemann

 

Kunstvolle Grenzmarkierung
 

Zehn Jahre nach dem Mauerfall will der Senat an die Teilung der Stadt
erinnern: Alle einstigen Grenzübergänge werden künstlerisch
gestaltet. Eine Steinreihe zeichnet den Mauerverlauf nach
 

Nur noch wenige Mauerreste stehen, und auch die einstigen Grenzübergänge in
der Stadt sind fast restlos verschwunden. Doch die Erinnerung an die fast 30
Jahre währende Teilung Berlins will der Senat wachhalten: Einige frühere
Grenzübergänge sind bereits im vergangenen Jahr künstlerisch gestaltet
worden. Anfang dieses Jahres werden Kunstwerke in der Chausseestraße und der
Sonnenallee aufgestellt. Insgesamt sollen alle sieben einstigen Übergänge in
der Stadt gestaltet werden. Dafür hatte der Senat eigens einen Wettbewerb
ausgeschrieben.
 
An der einstigen Grenzstelle auf der Chausseestraße zwischen Mitte und
Wedding sollte eigentlich schon bis zum Jahresende alles fertig sein. Doch
der frühe Frost habe ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht, sagte
Karin Nottmeyer, in der Bauverwaltung zuständig für Kunst im Stadtraum. Die
Berliner Künstlerin Karla Sachse will dort Metall-Intarsien auf dem
ehemaligen Grenzstreifen anbringen, die wie Kaninchen aussehen. Karnickel gab
es auf dem Todesstreifen zahlreich. Zwei "Probe-Silhouetten" sind bislang
montiert. Ende Februar sollen nun die übrigen folgen.
 
Ähnlich sieht der Zeitplan für die Sonnenallee zwischen Neukölln und Treptow
aus. Dort sollen zwei Fernrohre angebracht werden, auf deren Linse jeweils
das Wort "Übergang" eingekratzt ist. Durch eine Fischaugenoptik läßt sich
dann der ganze Übergang in den Blick nehmen. Im Frühjahr werden die bereits
angefertigten Fernrohre aufgestellt.
 
Schon im vergangenen Jahr wurde die einstige Grenze auf der Oberbaumbrücke
zwischen Kreuzberg und Friedrichshain durch Kunst wieder sichtbar. Zwei
Lichtinstallationen des Künstlers Thorsten Goldberg hängen am Brückenaufsatz.
Sie zeigen die Knobelzeichen Schere, Papier und Stein. Sie symbolisieren ein
"unendliches Spiel", das für unterschiedlichste Gefühle wie Hoffnung, Sieg
und Niederlage stehe, erklärt Nottmeyer.
 
Der bekannteste Grenzübergang war bislang auch der am besten erhaltene: Am
Checkpoint Charlie zwischen Kreuzberg und Mitte steht noch das berühmte
Schild in vier Sprachen "Sie verlassen den amerikanischen Sektor", ebenso das
alte Grenzhäuschen, wenn auch nicht mehr am alten Platz. Dort strahlen seit
kurzem ein amerikanischer und ein sowjetischer Soldat. Der Berliner Künstler
Frank Thiel hat einen Leuchtkasten auf einer fünf Meter hohen Stahlstütze
montiert mit Fotos zweier blutjunger Soldaten. So wie sich vor 37 Jahren
amerikanische und russische Panzer hier gegenüberstanden, blicken die einst
verfeindeten Mächte wieder zum jeweils anderen Sektor. Abends, wenn die
Laternen angehen, werden die Fotos beleuchtet. Nicht nur der Mauerbau, auch
das Militär an sich, das so junge Männer verheize, werde damit in Frage
gestellt, erläuterte Nottmeyer. 150.000 Mark hat das Land dafür bezahlt.
 
Auch der Verlauf der Mauer soll nachvollzogen werden. Nach längerer
Diskussion, ob ein Farbstreifen oder ein Kupferband an die Mauer erinnern
soll, entschied sich der Senat aus Kostengründen für eine
Kopfsteinpflasterreihe, die schon an einigen Stellen zu sehen ist. Sie soll
sich bald durch ganz Berlin ziehen. Jutta Wagemann
 



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T980130.280 TAZ-BERLIN Nr. 5445 Seite 27 vom 30.01.1998
130 Zeilen von TAZ-Bericht Hans-Christoph Stephan

 

Zufall im Takt
 

Mut zur Lücke: Kunst an den ehemaligen Grenzübergängen soll den  
Verlauf der Mauer markieren Von Hans-Christoph Stephan
 

Der Grenzverlauf durch das geteilte Berlin sollte 1994 mit einem Kupferband
oder rot-blau gestreiftem Beton nachgezogen werden. Doch das Projekt
"Markierung des Mauerverlaufs" kam nicht zustande, weil es in Ost und West an
Bürgerinteresse fehlte. Ohnehin scheint der antifaschistische Wall nur noch
sich selbst zu schützen: vor dem optischen Vergessen. Außer der
East-Side-Gallery erinnert kaum etwas an die Mauer.
 
Seit Ende Dezember blinken an der Oberbaumbrücke zwischen der Dämmerung und
ein Uhr nachts zwei Leuchtkästen von Thorsten Goldberg, die das "Stein-
Papier-Schere-Spiel" darstellen. Goldberg ist einer der sieben Preisträger
des Wettbewerbs "Übergänge", den die Senatsbauverwaltung im März 1996
ausgeschrieben hatte. Nicht mehr der 43 Kilometer lange Mauerverlauf, sondern
sieben der acht ehemaligen innerstädtischen Grenzübergänge sollten
gekennzeichnet werden. Jetzt kam es auf die Lücken an: Orte also, die den
Verlauf der Mauer an ihren offiziellen Quasi-Löchern auch beschreiben können.
 
Die zwei Glaskästen sind genauso groß wie die verschiedenen Stadtwappen an
der 96 Jahre alten Brücke. Goldberg hat sie beidseitig der mittleren
Schiffsdurchfahrt angebracht. Wenn man mit der U- Bahn die Brücke überquert,
sieht man das Leuchtspiel nicht, dazu müßte man wie Jürgen Vogel in "Das
Leben ist eine Baustelle" hastig die Spree lang: Die Hände stehen sich
gegenüber und wechseln die Stellung per Zufallsgenerator im
Sechs-Sekunden-Takt. Für Goldberg symbolisieren sie die Trennung zwischen
Menschen, die "versuchen, zu einer Entscheidung zu kommen". Auch heute, wo
von der Mauer keine Spur mehr ist, müssen Menschen aus Ost und West Meinungen
und Standpunkte erst einmal ausspielen, bevor sie sich annähern.
 
Etwa 90.000 Mark hat die Installation gekostet. Für jedes der sieben Projekte
stehen der Bauverwaltung 130.000 Mark zur Verfügung. Die Finanzierung ist
zwar gesichert, doch das Geld nicht flüssig. Die zwei Projekte am Checkpoint
Charlie und der Chausseestraße befinden sich in der Vorbereitung und sollen
bis April fertig sein. Frank Thiel wird den Checkpoint Charlie als Symbol
alliierter Militärpräsenz in Erinnerung bringen. Er will einen Leuchtkasten
mit einem sowjetischen und einem amerikanischen Grenzsoldaten genau auf die
Sektorengrenze stellen. In Aussehen und Funktion einem Werbekasten ähnlich,
soll die Installation den Hinweis "Sie verlassen den
amerikanischen/russischen Sektor" transformieren, indem der sowjetische
Soldat nach Kreuzberg und der amerikanische nach Mitte schaut. Die Passanten
werden somit nicht verabschiedet, sondern von jedem Soldaten begrüßt, dessen
Sektor sie früher betreten hätten. Deshalb soll der Kasten an der Kreuzung
Friedrichstraße/Kochstraße auch eine Art Hinweisschild sein: "Hier geht's
nach Mitte, Genosse. Hier nach Kreuzberg, Cowboy."
 
Die einzigen Lebewesen, die den "Todesstreifen" der Mauer tatsächlich
untergraben konnten, waren Kaninchen. Die Minen waren für sie offenbar keine
Bedrohung. Nur hin und wieder ließen die kleinen Grenzverletzer bunte Raketen
hochgehen. Die Künstlerin Karla Sachse versteht die Tiere als Symbol für die
Relativität von Grenzen: Auch im Todesstreifen war Leben möglich. Obwohl auf
dem asphaltbelegten Übergangsbereich Kaninchen wohl niemals buddeln konnten,
werden sie dort nun als lebensgroße Bronzeplatten wieder auftauchen.
 
Sobald das Geld da ist, werden e. Twin Gabriel, Gabriele Basch, Susanne Ahner
und Heike Ponwitz die anderen vier Übergänge (Oberbaumbrücke,
Invalidenstraße, Prinzenstraße und Sonnenallee) gestalten. Gabriele Basch zum
Beispiel wird auf die Brücken- Gehwege am Übergang Invalidenstraße ein Mosaik
aus bundesdeutschen und DDR-Warenlogos legen. Die Idee dabei: "Warenzeichen
sind so etwas wie der Schatten einer Gesellschaft." Mit deren Verknüpfung
stellt Basch die Überwindung der Trennung dar.
 
Der Grenzübergang am S- Bahnhof Friedrichstraße war indes der Übergang des
Abschieds. An ihm ist tatsächlich ein Palast voller Tränen geflossen.
Peinlich, daß der Wettbewerb den achten Übergang nicht berücksichtigt hat.
 


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T960911.201 TAZ-BERLIN Nr. 5024 Seite 22 vom 11.09.1996
75 Zeilen von TAZ-Bericht Torsten Pannen

 

Kaninchen an der Grenze der Erinnerung
 

Wettbewerb: Künstler präsentieren Entwürfe für Denkmäler an sieben  
ehemaligen Grenzübergängen: Kaninchen, Leuchtkästen und verätzte
Fernrohre
 

"Berlin kann nur mit der Erinnerung an die uns einst trennende Mauer wirklich
zusammenwachsen." Unter diesem Motto von Bausenator Klemann (CDU) stand die
Ausstellungseröffnung der Entwürfe für zukünftige Denkmäler an den einstigen
Grenzübergängen. Aufgabe der Künstler war ein Gestaltungsvorschlag für
jeweils einen städtischen Grenzübergang - die Aufgabe der Politik, sich
endlich für ein Konzept zu entscheiden, um den Mauerverlauf gegenwärtig zu
halten.
 
Baustaatssekretär Arndt eröffnete die Veranstaltung auch mit eben den Sätzen,
die inzwischen zum festen Vokabular gehören: Durch die Erinnerung, die die
selbstverständlich autonome Kunst symbolisch vermitteln soll, wird die
Verantwortung für die Zukunft aus der Vergangenheit gespeist. Ein schwieriges
Unterfangen, dem sich die Künstler mit sehr unterschiedlichen Arbeiten
stellten.
 
Zu den umstrittensten der sieben preisgekrönten Arbeiten zählt dabei das
"Kaninchenfeld" von Karla Sachse für den einstigen Grenzübergang an der
Chausseestraße. Bronzeschemen des putzigen Tierchens sollen dort in die
Bürgersteige eingelassen werden, wobei eine erklärende Tafel hier nicht
fehlen sollte. Klara Sachse begreift das "Kaninchen als Symbol der
friedlichen Unterwanderung des Grenzstreifens, als friedlichen Bewohner des
Niemandslandes und als Projektionsobjekt von beiden Seiten der Mauer aus."
Vielleicht ja auch eine gelungene Anregung, mal über den allzu stolzen
Bundesadler nachzudenken.
 
Die anderen sechs Arbeiten spielen zumeist mit etwas schlichteren
Assoziationen. Heike Ponwitz will an der Sonnenallee zwei Fernrohre
installieren, eines nach Osten, das andere nach Westen gerichtet. In die
Linse soll dabei das Wort "Übergang" geätzt werden. Frank Thiel wiederum hat
sich mit seinen "Leuchtkästen", in denen Fotografien eines amerikanischen und
eines russischen Soldaten zu sehen sein werden, der Friedrichstraße
angenommen. Am Checkpoint Charlie will er so mit den Mitteln der
Werbeästhetik ein "Symbol für die alliierte Militärpräsenz" errichten.
 
Nur für die Bornholmer Straße konnte sich die Jury noch für keine der
eingereichten Arbeiten entscheiden. Das soll jedoch schnell nachgeholt
werden, um die Realisierung der "Grenzerinnerung" trotz Haushaltssperre
demnächst umzusetzen. Dabei stehen pro Arbeit bis zu 130.000 Mark zur
Verfügung. Torsten Pannen
 


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T960913.189 TAZ Nr. 5026 Seite 20 vom 13.09.1996
99 Zeilen von TAZ-Bericht Barbola Häuslerburg

 

Hauptstadtdebatte um geplante Mauerdenkmäler
 

Häkeldeckchen im öffentlichen Raum
 

Berlin (taz) - Erneut tobt in Berlin ein großer Streit um Gedenken
im öffentlichen Raum. Seit drei Tagen zeigt hier eine Ausstellung unter dem
Titel "Grenzerinnerung" verschiedene Entwürfe von Denkmälern, die an den
ehemaligen Grenzübergängen der einst geteilten Stadt aufgestellt werden
sollen.
 
Bereits am Eröffnungsabend kam es zu ersten Auseinandersetzungen. Eben noch
hatte Bausenator Jürgen Klemann in seiner Ansprache erklärt, Berlin könne
"nur mit der Erinnerung an die uns einst trennende Mauer zusammenwachsen", da
diskutierten Besucher bereits laut und vernehmlich über "diesen Dreck".
 
Ins Kreuzfeuer der Kritik gerieten vornehmlich drei zukünftige Kunstwerke:
Die Arbeit des Multimediakünstlers Peter Steinhöfel hielten die meisten Gäste
für "unerträglich". Steinhöfel will am ehemaligen Grenzübergang Bornholmer
Straße eine handballfeldgroße Leinwand aufstellen, über die Tag und Nacht ein
Endlosvideo flimmert. In einer einzigen Einstellung zeigt der Film einen
schlafenden DDR-Grenzbeamten in seinem Diensthäuschen - "Ausdruck der
Veränderung, des Friedens und der erlebten Ent-Spannung". Die Anwohner der
Bornholmer Straße, zur Vernissage ebenfalls geladen, halten nichts von dieser
Interpretation ihres neuen Alltags. Besonders empörten sie sich darüber, "daß
dieser Schrott mit Ton läuft". 24 Stunden Schnarchen, so eine Betroffene,
hielte niemand aus.
 
Aber auch Karla Sachses "Kaninchenfeld", das bedeutend ruhiger und
unspektakulärer angelegt ist, löste keine rechte Begeisterung aus. 40
bronzene Kaninchen sollen an der Chausseestraße in den Gehweg eingelassen
werden. Die "friedliche Unterwanderung des Grenzstreifens" mittels eines
"Projektionsobjektes von beiden Seiten der Mauer aus" (Sachse), wurde zur
"Rentnerstolperfalle" erklärt.
 
Ein fragiler, rund drei Meter hoher Scherenschnitteppich soll in der ehemals
mauerverbauten Zimmerstraße auf einer Länge von sieben Metern den dortigen
Grenzverlauf markieren. Gegen dieses Werk der bislang unbekannten Künstlerin
Heli Stern, das die altbewährte, schlichte Papiertechnik mit einem freilich
hochmodernen wetterfesten, mattgelben Kunststoff umsetzt, machen ebenfalls
Anwohner mobil. Sie wollen sich "die endlich freie Aussicht nicht durch ein
Häkeldeckchen" versperren lassen. Ohne große Widerstände wird dagegen
vermutlich Olaf Jeschkes "Bindfadenrolle" angenommen werden, die in der
Friedrichstraße ebenfalls das Ziel der Mauerverlaufserinnerungsarbeit
erheblich diskreter verfolgt: Der Faden schlängelt sich vor allem durch
Regenrinnen.
 
An einer Installation nahm allerdings niemand Anstoß - aus naheliegenden
Gründen. Denn die rote Plastikbank von Twin Gabriel, die auf der
Oberbaumbrücke eine rote Wartebank symbolisieren soll, wird - wie schon zuvor
- im Niemandsland stehen. Und so kann die Tatsache, daß in ihre "15 cm starke
hohle Rückenlehne" ein Lautsprecher eingebaut sein wird, aus dem im
10-Minuten-Takt "Zwiegespräche/Streitgespräche/ Gezänk unterschiedlichen
Inhalts" quellen, angesichts des tosenden Autoverkehrs von Ost nach West
getrost vernachlässigt werden. Barbola Häuslerburg
 



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T980130.280 TAZ-BERLIN Nr. 5445 Seite 27 vom 30.01.1998
130 Zeilen von TAZ-Bericht Hans-Christoph Stephan

 

Zufall im Takt
 

Mut zur Lücke: Kunst an den ehemaligen Grenzübergängen soll den  
Verlauf der Mauer markieren Von Hans-Christoph Stephan
 

Der Grenzverlauf durch das geteilte Berlin sollte 1994 mit einem Kupferband
oder rot-blau gestreiftem Beton nachgezogen werden. Doch das Projekt
"Markierung des Mauerverlaufs" kam nicht zustande, weil es in Ost und West an
Bürgerinteresse fehlte. Ohnehin scheint der antifaschistische Wall nur noch
sich selbst zu schützen: vor dem optischen Vergessen. Außer der
East-Side-Gallery erinnert kaum etwas an die Mauer.
 
Seit Ende Dezember blinken an der Oberbaumbrücke zwischen der Dämmerung und
ein Uhr nachts zwei Leuchtkästen von Thorsten Goldberg, die das "Stein-
Papier-Schere-Spiel" darstellen. Goldberg ist einer der sieben Preisträger
des Wettbewerbs "Übergänge", den die Senatsbauverwaltung im März 1996
ausgeschrieben hatte. Nicht mehr der 43 Kilometer lange Mauerverlauf, sondern
sieben der acht ehemaligen innerstädtischen Grenzübergänge sollten
gekennzeichnet werden. Jetzt kam es auf die Lücken an: Orte also, die den
Verlauf der Mauer an ihren offiziellen Quasi-Löchern auch beschreiben können.
 
Die zwei Glaskästen sind genauso groß wie die verschiedenen Stadtwappen an
der 96 Jahre alten Brücke. Goldberg hat sie beidseitig der mittleren
Schiffsdurchfahrt angebracht. Wenn man mit der U- Bahn die Brücke überquert,
sieht man das Leuchtspiel nicht, dazu müßte man wie Jürgen Vogel in "Das
Leben ist eine Baustelle" hastig die Spree lang: Die Hände stehen sich
gegenüber und wechseln die Stellung per Zufallsgenerator im
Sechs-Sekunden-Takt. Für Goldberg symbolisieren sie die Trennung zwischen
Menschen, die "versuchen, zu einer Entscheidung zu kommen". Auch heute, wo
von der Mauer keine Spur mehr ist, müssen Menschen aus Ost und West Meinungen
und Standpunkte erst einmal ausspielen, bevor sie sich annähern.
 
Etwa 90.000 Mark hat die Installation gekostet. Für jedes der sieben Projekte
stehen der Bauverwaltung 130.000 Mark zur Verfügung. Die Finanzierung ist
zwar gesichert, doch das Geld nicht flüssig. Die zwei Projekte am Checkpoint
Charlie und der Chausseestraße befinden sich in der Vorbereitung und sollen
bis April fertig sein. Frank Thiel wird den Checkpoint Charlie als Symbol
alliierter Militärpräsenz in Erinnerung bringen. Er will einen Leuchtkasten
mit einem sowjetischen und einem amerikanischen Grenzsoldaten genau auf die
Sektorengrenze stellen. In Aussehen und Funktion einem Werbekasten ähnlich,
soll die Installation den Hinweis "Sie verlassen den
amerikanischen/russischen Sektor" transformieren, indem der sowjetische
Soldat nach Kreuzberg und der amerikanische nach Mitte schaut. Die Passanten
werden somit nicht verabschiedet, sondern von jedem Soldaten begrüßt, dessen
Sektor sie früher betreten hätten. Deshalb soll der Kasten an der Kreuzung
Friedrichstraße/Kochstraße auch eine Art Hinweisschild sein: "Hier geht's
nach Mitte, Genosse. Hier nach Kreuzberg, Cowboy."
 
Die einzigen Lebewesen, die den "Todesstreifen" der Mauer tatsächlich
untergraben konnten, waren Kaninchen. Die Minen waren für sie offenbar keine
Bedrohung. Nur hin und wieder ließen die kleinen Grenzverletzer bunte Raketen
hochgehen. Die Künstlerin Karla Sachse versteht die Tiere als Symbol für die
Relativität von Grenzen: Auch im Todesstreifen war Leben möglich. Obwohl auf
dem asphaltbelegten Übergangsbereich Kaninchen wohl niemals buddeln konnten,
werden sie dort nun als lebensgroße Bronzeplatten wieder auftauchen.
 
Sobald das Geld da ist, werden e. Twin Gabriel, Gabriele Basch, Susanne Ahner
und Heike Ponwitz die anderen vier Übergänge (Oberbaumbrücke,
Invalidenstraße, Prinzenstraße und Sonnenallee) gestalten. Gabriele Basch zum
Beispiel wird auf die Brücken- Gehwege am Übergang Invalidenstraße ein Mosaik
aus bundesdeutschen und DDR-Warenlogos legen. Die Idee dabei: "Warenzeichen
sind so etwas wie der Schatten einer Gesellschaft." Mit deren Verknüpfung
stellt Basch die Überwindung der Trennung dar.
 
Der Grenzübergang am S- Bahnhof Friedrichstraße war indes der Übergang des
Abschieds. An ihm ist tatsächlich ein Palast voller Tränen geflossen.
Peinlich, daß der Wettbewerb den achten Übergang nicht berücksichtigt hat.
 



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T980813.154 TAZ-BERLIN Nr. 5607 Seite 18 vom 13.08.1998
305 Zeilen von TAZ-Bericht Jutta Wagemann

 

Ein verwilderter Grünstreifen als letztes Relikt
 

Die Spur der Mauer ist eine Angelegenheit für Spezialisten geworden:
37 Jahre nach ihrem Bau am 13. August 1961 sind fast alle Überreste
verschwunden.  
Ein Kopfsteinpflasterband quer durch die Stadt soll künftig auf einer
Strecke von zwölf Kilometern an die Grenze erinnern Von
Jutta Wagemann
 

Leises Triumphgefühl. Da sind sie: von Farn und Gras überwachsen, quer
übereinander, eine angekohlte Zeitung vom Grillen obenauf. Hier stand die
Mauer, hier liegen die letzten Mauerreste. Die Indizien sind eindeutig. Ein
paar Graffitireste, verbogene und verrostete Eisenteile, die aus dem Beton
herausragen, das Gestein an vielen Stellen abgebröckelt. Von Mauerspechten
abgeklopft.
 
Es bedurfte schon längerer Suche, bis die historischen Überreste gefunden
waren. Mindestens hundert Meter dürfte dieser Streifen breit sein, mit
üppigen, wuchernden Wildblumen und Gräsern entlang dem Teltowkanal. Auf dem
Kiesweg führt ein Pärchen seinen Schäferhund spazieren. "Genau hier, wo wir
stehen, war die Mauer", bestätigen sie. "Aber schon ein Jahr nach der
Wiedervereinigung war hier alles weg."
 
Die beiden Radfahrer genießen die Sonne und die Ruhe. Kein Auto ist zu hören.
Nur die Grillen zirpen, als müßten sie für die Gegend Reklame machen. Seit
ein paar Jahren erkundeten sie das Berliner Umland per Rad, erzählt das
Ehepaar. "Schließlich haben wir Nachholbedarf, zumindest, was den Osten
betrifft", sagt der Mann lächelnd.
 
Den Mauerbau haben die beiden Berliner selbst erlebt. Sie kamen von einer
Reise wieder und wunderten sich über die Soldaten am Potsdamer Platz. Ihren
üblichen Heimweg konnten sie am Abend des 13. August nicht mehr nehmen.
 
An den Rändern der Stadt stand jedoch keine Mauer, sondern ein Drahtzaun,
erzählen sie. Ende 1989, als die ersten Löcher im Zaun waren, hätten sie sich
mit ihren Rädern durchgequetscht. "Und auf dem Rückweg mußten wir an der
Straße noch unseren Paß zeigen." Die Mauerreste sind also gar keine. Doch
wenn es am Teltowkanal keine Mauer gab, woher stammen die Betonteile? Vom
Fahrweg, vermutet der Radfahrer. Der war asphaltiert und so gemauert, daß er
vom Westen nicht einsehbar war.
 
Mauerdetektive haben es schwer in Berlin. Im äußersten Norden und Süden weist
wenigstens der breite Grünstreifen mit den niedrigen, noch jungen Bäumen auf
den einstigen Verlauf der Mauer hin. Wo einst die DDR- Grenzer mittels
chemischer Keule den Mauerstreifen peinlich von Unkraut sauberhielten, sind
mittlerweile kleine Biotope entstanden. Geradezu ideal für Spaziergänger,
Radfahrer und Jogger. Im Süden wird die Idylle jedoch bald verschwunden sein.
Die Autobahn zum Flughafen Schönefeld wird genau entlang dem Teltowkanal
führen.
 
Je näher zur Innenstadt, desto schwerer sind die Spuren der Mauer zu finden.
Schon in Treptow ist das ein Kunststück. Irgendwo hier muß der Grenzübergang
Sonnenallee nach Neukölln gewesen sein. Die Straße sieht auch fast neun Jahre
nach dem Mauerfall noch frisch asphaltiert aus. Nichts weist auf das Monstrum
des Kalten Krieges hin. Doch. Wer die Augen am Boden schweifen läßt, hat
Glück. Zwei jungen Russinnen sei Dank. Die Mauer kannten sie zwar nicht mehr,
dafür aber die zwei im Bürgersteig rechts und links der Straße eingelassenen
Gedenktafeln: "Maueröffnung 9. November 1989 Treptow-Neukölln".
 
Nach Treptow fahren inzwischen Touristenbusse, weil hier noch ein bißchen von
der Mauer zu sehen ist. Ein paar Reste am S-Bahnhof Baumschulenweg und vor
allem der Originalwachturm im Schlesischen Busch. "Museum der verbotenen
Kunst" nennt sich die Ausstellung etwas hochtrabend. Einen kleinen Eindruck
vom DDR-Grenzsystem vermittelt sie dank der Fotos immerhin. Die
Museumspförtnerin sitzt in einem kleinem Raum, in dem man sich kaum umdrehen
kann. "Das hier war die Arrestzelle", erzählt sie. Durch die Sehschlitze im
ersten Stock blickt man auf türkische Frauen, die friedlich auf dem einstigen
Todesstreifen grillen.
 
Wie und wo die Mauer erhalten? Nach heftigen Diskussionen wird heute die
Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße eröffnet. Die 180 Meter Mauer, die
hier noch stehen, machen noch immer einen abschreckenden Eindruck. So hoch,
so unüberwindlich war sie. Viele Ideen für die Markierung des Mauerstreifens
gab es; sie alle sind am Martin-Gropius-Bau zu sehen: die
Kopfsteinpflasterreihe, das in die Erde eingelassene Kupferband des Berliner
Publizisten Gerwin Zohlen und die farbigen Betonstreifen der Künstlerin
Angela Bohnen, die Vorder- und Hinterlandmauer markieren sollten.
 
Nach langem Hin und Her hat sich der Senat schließlich für die
Doppelsteinreihe entschieden. Sie sei zurückhaltend und einfach, erklärt
Karin Nottmeyer die Hintergründe der Entscheidung. Die Referatsleiterin Kunst
im Stadtraum in der Bauverwaltung erzählt, daß der Senat vermeiden wollte,
die Mauer durch eine Kunstaktion nachträglich aufzuwerten. Billig ist aber
auch die schlichte Doppelsteinreihe - eine Idee des Bezirks Kreuzberg -
nicht. 170 Mark pro Meter fallen dabei an. Auf einer Länge von zwei
Kilometern gibt es das Band schon, weitere zehn Kilometer sind geplant, wie
Nottmeyer erläutert. Macht insgesamt 17 Millionen Mark.
 
Die allseits bekannten Mauerreste in der Stadt können einen echten
Mauerdetektiv kaum noch reizen. Die East Side Gallery hat bislang alle
Bebauungspläne überlebt und ist nach wie vor Pflichtprogramm der
Touristenbusse. Am Checkpoint Charlie und am Martin-Gropius-Bau wird es für
Mauerspezialisten ebenfalls zu einfach.
 
Aber auf dem Weg dahin ist Beobachtungsgabe gefragt. Dunkle Flecken haben die
entfernten Gitter rund um die Fenster an Häusern in der Zimmerstraße
hinterlassen. Am Detlev-Rohwedder- Bau, dem künftigen Finanzministerium,
haben die Bauarbeiter den hellen Strich an der Wand noch nicht getilgt: Die
Mauer reichte direkt bis an das ehemalige Haus der Ministerien der DDR.
 
Die Touristengruppe am Potsdamer Platz guckt interessiert auf den Boden. Am
Rande der großen Kreuzung hat sie sich zusammengedrängt. Aha, hier also:
Kleine quadratische Eisenreste lugen aus dem Asphalt. 1961 wurde nicht direkt
gemauert, erklärt der Touristenführer. Erst wurde ein Metallzaun errichtet.
Die Französin blickt zu den verschiedenen Baustellen. Sie kann sich den Platz
nicht mit Mauer vorstellen. "Das ist genauso unvorstellbar wie der Rummel
hier in den zwanziger Jahren", sagt sie ratlos.
 
Autos brausen über die Sandkrugbrücke. Nur die Straßenbahnschienen enden
einfach so ein paar Meter vor dem einstigen Grenzübergang. Die ehemaligen
Grenzübergänge sollen in einem Jahr alle künstlerisch gestaltet sein. Auf der
Oberbaumbrücke kann man die Lichtinstallation bereits bestaunen. Die
Knobelzeichen Schere, Papier und Stein hat der Künstler Thorsten Goldberg als
Symbol für das niemals endende Spiel gewählt, das für unterschiedlichste
Gefühle wie Hoffnung, Sieg und Niederlage steht. Je nach Betrachtung könnte
man auch meinen, zwei Menschen wollten sich die Hände reichen.
 
24 Jahre war Günter Litwin alt, als er elf Tage nach Beginn des Mauerbaus
versuchte, aus der DDR zu fliehen. Er schwamm durch den Spandauer
Schiffahrtskanal. Und wurde von DDR- Grenzern erschossen. Auch ein
DDR-Grenzsoldat kam hier ums Leben. Ihn traf die Kugel eines West-Polizisten.
Die West-Polizei hatte den Auftrag, Flüchtende zu schützen. Zur Not, indem
sie auf DDR-Grenzer schoß. Am Invalidenfriedhof erinnert eine Gedenktafel an
beide Schicksale. Bis 1989 zwackte die Mauer den hinteren Teil des Friedhofs
einfach ab, die Grenze verlief direkt am Kanal. Grabsteine, die die Sicht der
Grenzschützer verstellten, wurden flach gelegt. Ein paar Mauerstücke stehen
immer noch. Der Wachturm am "Kieler Eck" ist mittlerweile jedoch völlig von
Neubauten verdeckt.
 
Friedhöfe sind eine gute Adresse für Mauersucher. Auch auf dem Gelände des
St.-Hedwig-, Dom- und Französischen Friedhofs in Mitte finden sich zwei
Mauersegmente. Sie stehen nicht mehr am Originalplatz. Die Grenze zwischen
West- und Ost-Berlin verlief an der Ostseite der Liesenstraße, wo sich die
Zugänge zu den Kirchhöfen befanden. Bis 1985 durften nur nahe Angehörige der
Toten mit Grabkarte die Friedhöfe betreten.
 
Die drei Glocken rosten still vor sich hin, von wucherndem Gras umgeben. Mehr
ist von der Versöhnungskirche in Mitte, die die DDR 1985 sprengen ließ, nicht
übriggeblieben. Eine Kapelle mit sakralen Gegenständen aus der
Versöhnungskirche, die erhalten sind, soll an dieser Stelle wieder entstehen.
"Bis dahin", mutmaßt eine Spaziergängerin mit Hund, "sind die Glocken längst
verrottet."
 
"Die Bösebrücke war am 9. November 1989 der erste Grenzübergang der
innerdeutschen Grenze, an dem die DDR-Grenzschranken fielen." Überwältigende
Szenen kommen beim Lesen der Gedenktafeln vors innere Auge. Menschenmassen
strömten über die Bornholmer Straße, gleichzeitig weinend und lachend vor
Glück. Und weiter südlich, an der Invalidenstraße, wartete ein ARD- Reporter
immer noch darauf, daß die Grenze aufging.
 
Am S-Bahnhof Wollankstraße in Pankow wird es wieder gemütlich. Jogger und
Radfahrer teilen sich den Kiesweg. Das Unkraut hat sich den Todesstreifen
zurückerobert. Ein paar Türken packen gerade die Reste eines Flohmarkts
zusammen. Weiter nördlich in Pankow öffnet sich der Weg. Ein breiter
Bürgersteig läßt Kinderwagen und Radler bequem aneinander vorbeikommen.
"Eigentlich hat sich hier nichts verändert", erzählt die Frau, die ihren
Kinderwagen genau auf dem Mauerstreifen entlangschiebt. Nur ein bißchen
grüner sei es geworden.
 
Erst im Berliner Umland können Mauerdetektive ihre Lupe wieder einstecken.
Vom Grenzzaun ist nichts geblieben als feiner Sand. Die Kiefern sind noch
niedrig. Doch eine Schneise wie eine dicke Narbe schlängelt sich bis zum
Horizont.
 



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T981127.209 TAZ Nr. 5697 Seite 19 vom 27.11.1998
79 Zeilen von TAZ-Bericht Jutta Wagemann

 

Kunstvoller Grenzübertritt
 

Am Checkpoint Charlie leuchten Bilder von zwei Soldaten. Auch an  
anderen Übergängen soll künstlerisch an die Teilung Berlins erinnert
werden
 

Wo die Mauer früher ein unüberwindbares Hindernis war, gehen heute die
Passanten achtlos vorüber. Selbst von den einstigen Grenzübergängen ist neun
Jahre nach dem Mauerfall oft nichts mehr zu sehen. Der Checkpoint Charlie
bildet die Ausnahme: Das alte Grenzhäuschen steht noch, ebenso das berühmte
Schild in vier Sprachen: "Sie verlassen den amerikanischen/sowjetischen
Sektor." Der Blick fällt seit kurzem auch noch auf etwas anderes: auf einen
amerikanischen und einen sowjetischen Soldaten.
 
Der Berliner Künstler Frank Thiel hat auf der Kreuzung einen Leuchtkasten auf
einer fünf Meter hohen Stahlstütze montiert mit Fotos der beiden blutjungen
Soldaten. So wie sich vor 37 Jahren amerikanische und russische Panzer an
dieser Stelle gegenüberstanden, blicken auch jetzt wieder die einst
verfeindeten Mächte zum jeweils anderen Sektor hinüber. Abends, wenn die
Straßenlaternen angehen, werden die Fotos beleuchtet. Nicht nur der Mauerbau,
auch das Militär an sich, das so junge Männer verheize, werde damit in Frage
gestellt, erläuterte Karin Nottmeyer, in der Bauverwaltung zuständig für
Kunst im Stadtraum. 150.000 Mark hat das Land für den Leuchtkasten bezahlt.
Er ist das Ergebnis eines künstlerischen Wettbewerbs des Senats. Alle sieben
innerstädtischen Grenzübergänge sollen durch eine künstlerische Gestaltung an
die Teilung der Stadt erinnern. An der Oberbaumbrücke zwischen Kreuzberg und
Friedrichshain sind bereits zwei Lichtinstallationen des Künstlers Thorsten
Goldberg zu sehen. Sie zeigen die Knobelzeichen Schere, Papier und Stein.
 
Als nächstes soll der Übergang Chausseestraße zwischen Mitte und Wedding
folgen. Die Berliner Künstlerin Karla Sachse will dort Metall-Intarsien auf
dem ehemaligen Grenzstreifen anbringen, die wie Kaninchen aussehen. Karnickel
gab es auf dem Todesstreifen zahlreich. Nottmeyer hofft, daß die Installation
noch in diesem Winter fertig wird.
 
Anfang 1999 wird dann der Grenzübergang Sonnenallee zwischen Neukölln und
Treptow gestaltet. Dort sollen zwei Fernrohre - ähnlich wie bei
Aussichtspunkten - angebracht werden. Auf der Linse ist das Wort "Übergang"
eingekratzt. Bislang erinnert in der Stadt an einigen Stellen eine
Kopfsteinpflasterreihe an den einstigen Verlauf der Mauer. Diese
Pflasterreihe soll sich bald durch ganz Berlin ziehen. An den Grenzübergängen
finden sich teilweise Gedenktafeln, meist unauffällig plaziert. Die neuen
Installationen könnten vorübereilende Passanten eher veranlassen,
innezuhalten und sich des Ortes bewußt zu werden. Jutta Wagemann
 




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