Humboldt-Universit"at zu Berlin
Institut f"ur Geschichtswissenschaften
"Ubung Die Sozialgeschichte auf dem Weg zur "'Kulturgeschichte"'?
Dozent Dr. Schmidt-Gerning
Referent Frédéric Bu"smann
Piere Bourdieus materialistischer Kulturbegriff
Klaus Eder: Klassentheorie als Gesellschaftstheorie. Bourdieus dreifache kulturtheoretische Brechung der traditionellen Klassentheorie
Dreifache Brechung der traditionellen Klassentheorie:
1. Revision des marxschen Klassenbegriffes
Mit kulturellen Kapital ausgestatteten Berufe konstituierte Klassenlagen sind Schl"ussel zur Struktur von Klassen moderner Gesellschaften ("Kultur wird zu einem Kapital, das die menschliche Arbeitskraft bestimmt").
Die gesellschaftliche Klassenstrukturiertheit wird durch Berufe gepr"agt. Berufsrollen bilden die Schnittpunkte zwischen den Individuen und der Gesellschaft als ganzes. Durch den Beruf ist ein Individuum gesellschaftlich plaziert. Die objektive Klassenlage ist definiert als Verf"ugung "uber "'Kapital"'. Kapital wird heute nicht mehr nur als Verf"ugung "uber Produktionsmittel definiert. Die "okonomische Dimension wird erweitert um eine soziale und kulturelle Dimension. Das Verh"altnis von "okonomischem zu kulturellem Kapital umgekehrt proportional. Das Verh"altnis von sozialem zu kulturellem Kapitel ist jedoch komplexer.
Soziale Klassen sind theoretische Konstrukte ("'strukturalistischer Konstruktivist"').
Der Beruf als kulturell bestimmter konstituierendes Moment
Zur Veranschauung der Verh"altnisse von sozialem, kulturellem und "okonomischen Kapital benutzt Bourdieu ein Dreidimensionales Modell objektiver Klassenlagen. Das Volumen des Kapitals ("okomisches plus kulturelles Kapital) wird in Beziehung zur Zeit gesetzt. Dadurch k"onnen Berufsgruppen zusammengfa"st werden, die die Klassenlage bilden. Die Kultur spielt in der Bestimmung von Gruppen die Schl"usselrolle. "'Kulturelle Merkmale fungieren als objektive Faktoren in der Produktion und Reproduktion von Klassenstrukuren."'
Bisher wurde die kulturelle Seite als Indikator f"ur objektive Lagedifferenzen in Form von Berufsprestige herangezogen. Die Kultur diente als "au"seres Zeichen f"ur "okonomisches Kapital. Kritik daran: Die Forschung betrachtet das Prestige durch Kultur nicht als Mechanismus der Abgrenzung nach Au"sen und Bestimmung nach Innen einer Berufsgruppe. Sie verkannte die Funktion der Reproduktion der eigenen Klassenlage durch Kultur.
Kulturelles und soziales Kapital werden Teil des Berufslebens und definieren mehr noch als das "okonomische Kapital die Klassenlage bestimmter Gruppen. Die Berufspositionen konstituieren die Klassenstruktur. Das Haben eines Berufsstatus und das Haben von Kultur sind Voraussetzung wie auch Effekt einer sozialen Lage.
Da es sich um einen "´zirkul"aren Determinationszusammenhang"´ handelt, mu"s bei einer empirischen Untersuchung der Moment der Reproduktion der eigenen Klassenlage untersucht werden. Eine theoretisch konstruierte Klasse mu"s nicht einer realen sozialen Gruppe entsprechen.
2. Reproduktion der Klassenlage
Der Begriff Klassenbewu"stsein wird durch den Begriff Klassenhabitus ersetzt. Die Reproduktion der Klassenlage ist kein Problem der Konstitution eines Bewu"stseins, sondern wird durch kollektive Erfahrungs- und geleitet. Eine Meinung ist weniger das Ergebnis individueller Selektion, sondern das Ergebnis klassenspezifischer Verhaltensweisen. Im Verh"altnis, in dem Habitusstrukturen reproduziert werden ist es m"oglich von realen sozialen Klassen zu sprechen.
Der Klassenhabitus ersetzt das Klassenbewustsein
Der Habitus ist eine Individuuen "ubergreifende Struktur, der individuelle Meinungsbildungsprozesse limitiert bzw.lenkt. Dieses Verhalten wird in "'Sozialisationsprozessen erworben, in spezifischen Berufskarrieren selektiv stabilisert und entsprechend den "okonomisch-politischen Umst"anden adaptiert. Damit bricht Bourdieu mit der gewesenen Klassenanalyse, die nur von Klassen sprechen wollte, wenn objektive Faktoren und subjektive Entsprechungen zusammen fallen ("'Homogenit"atspr"ufung"').
Kritik an der Homogenit"ats"uberpr"ufung
Objektive Klassenlage und subjektive selbsteinsch"atzung sollten einander entsprechen bzw. zusammenfallen. (S.26/27 weiterlesen)
Bourdieu distanziert sich mit seinem Ansatz von einer Bewustseinanalyse. Eine Klasse existiert nicht aufgrund des Bewustseins der Klasselage, sondern aufgrund ihres unbewu"sten Verhaltens bzw. Meinung etc... Er untersucht die strukturelle Differenz in einer Gesellschaft. Die bisherige Forschung neigte zur Individualisierung von Meinungen und unterlag dem Zwack zur Destrukturierung. Die Wertwandelforschung hat sich von einer quantifizierenden empirischen Sozialforschung abgesetzt, die auf der Suche nach Korrelationen von objektiven und subjektiven Merkamlen war. Sie versteht die Welt als eine Realit"at subjektiver Merkmale. (S.32/33 weiterlesen)
3. Reflexivit"at der Klassenlage
Methodologische Brechung, Integration seiner eigenen Analys in seine These. Klassendiskurse wind Teil der Klassenrealit"at. Reflexion "uber die Rolle der Sozialwissnschaften als Teil von Klassenstrukturiertheit. Besonders die Ungleichheitsforschung ist Teil einer Klassenanalyse. Die Soziologie ist Teil des Prozesses der Selbstkorrektur von Formen des Bewustseins von der Klassenstrukturiertheit moderner Gesellschaften. Selbstverwendung sozialwissenschaftlich erzeugten Wissens. Das sozialwissenschaftliche Wissen ist selber ein Mechanismus der Reproduktion der Klassenstruktur. Als Beispiel daf"ur dient zum Beispiel die Diskussion um die Bildungegalisierung. (S.36-38 weiterlesen)
Kann die Soziologie ihrem Determinationszusammenhang entkommen? Wenn sie Teil des reproduktionsprozesses ist, kann sie keine objektiv verwertbaren Hilfen leisten. Bourdieu l"ost das Problem durch die "´Soziologische Desillusionierung"´. Soziologie ist keine objektive Beschreibun der Realit"at, sondern die Aufdeckung von Illusionen "uber die Realit"at. (S.38 weiterlesen)
Kritik Klaus Eders an Bourdieu
Bei Bourdieu sind scheinbar keinen gesellschaftlichen Lernprozesse m"oglich. Wenn alles immer ein Teil der eigenen Reproduktion von Klassenhabitus ist, ist diesem Habitus kein entkommen zu bieten.
Literaturhinweise
Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt am Main 71994.
Calhoun, Craig, Edward LiPuma und Moishe Postone: Bourdieu. Critical Perspectives, Cambridge 1993.
Eder, Klaus (Hrsg.): Klassenlage, Lebensstil und kulturelle Praxis. Theoretische und empirische Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieu Klassentheorie, Frankfurt am Main 1989.
Gilcher-Holtey, Ingrid: Kulturelle und symbolische Praktiken: das Unternehmen Pierre Bourdieu, in: Wolfgang Hardtwig und Hans-Ulrich Wehler (Hrsgg.): Kulturgeschichte Heute (Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift f"ur Historische Sozialwissenschaft, Sonderheft 16), G"ottingen 1996, S. 111-130.
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